Den Geist von Übelwollen (Byāpāda) befreien: Eine Einführung und Wegweiser durch die Lehrreden
Einblicke in das zweite Hindernis und dessen Überwindung
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Den Geist von Übelwollen (Byāpāda) befreien
- Was ist Byāpāda? Definition und Erklärung
- Byāpāda im Kontext: Die Fünf Hindernisse (Pañca Nīvaraṇāni)
- Byāpāda als Fessel: Die Bindung an die Sinnenwelt
- Das Gegenmittel: Mettā (Liebende Güte) und Abyāpāda (Nicht-Übelwollen)
- Lehrreden (Suttas) zu Byāpāda im Dīgha Nikāya (DN) und Majjhima Nikāya (MN)
- Weitere Textverweise im Pālikanon
- Zusammenfassung und Ausblick
- Referenzen & weiterführende Webseiten/Dokumente
Einleitung: Den Geist von Übelwollen (Byāpāda) befreien
Der Buddhismus lehrt einen Weg zur Befreiung von Leiden (Dukkha) und zur Verwirklichung eines tiefen inneren Friedens, bekannt als Nibbāna. Ein zentrales Element auf diesem Weg ist die Kultivierung des Geistes, was die Überwindung von hinderlichen Geisteszuständen einschließt. Einer der herausragendsten dieser Zustände ist Byāpāda, im Deutschen meist als „Übelwollen“, „Groll“ oder „Feindseligkeit“ übersetzt. Byāpāda stellt ein wesentliches Hindernis für geistige Klarheit, Mitgefühl und Weisheit dar und blockiert somit den Fortschritt auf dem buddhistischen Pfad.
Dieser Bericht verfolgt das Ziel, ein klares Verständnis des Pāli-Begriffs Byāpāda zu vermitteln. Er definiert den Begriff, erläutert seine doppelte Bedeutung als eines der Fünf Hindernisse (Nīvaraṇa) und als eine der Zehn Fesseln (Saṃyojana) und grenzt ihn von verwandten Begriffen ab. Darüber hinaus werden spezifische Lehrreden (Suttas) aus den Sammlungen des Pālikanons vorgestellt, die Byāpāda thematisieren und Wege zu seiner Überwindung aufzeigen. Die Verweise auf die Lehrreden basieren primär auf der Online-Ressource SuttaCentral.net, um interessierten Lesern ein tieferes Studium der Originaltexte zu ermöglichen.
Das Verständnis und die Überwindung negativer Geisteszustände wie Byāpāda sind keine rein theoretischen Übungen, sondern wesentliche Aspekte der buddhistischen Praxis. Indem wir lernen, Übelwollen zu erkennen, seine Ursachen zu verstehen und heilsame Gegenmittel zu kultivieren, können wir unseren Geist schrittweise von dieser Belastung befreien und uns einem Zustand von innerer Ruhe, Klarheit und umfassendem Wohlwollen annähern. Dieser Bericht soll als strukturierter Leitfaden dienen, um sowohl Anfängern als auch Lesern mit Vorkenntnissen einen fundierten Zugang zu diesem wichtigen Thema zu ermöglichen.
Was ist Byāpāda? Definition und Erklärung
2.1 Definition und Kernbedeutung
Der Pāli-Begriff Byāpāda bezeichnet einen spezifischen unheilsamen Geisteszustand. Im Deutschen wird er üblicherweise mit Begriffen wie Übelwollen, Böswilligkeit, Groll, Feindseligkeit oder auch Hass übersetzt. Im Kern beschreibt Byāpāda eine mentale Ausrichtung, die von Abneigung, Feindseligkeit, Ressentiment und dem Wunsch geprägt ist, anderen Schaden zuzufügen oder sie leiden zu sehen. Es handelt sich nicht um eine passive Unzufriedenheit oder bloße Abneigung, sondern um eine aktive Form der Negativität, die sich gegen Lebewesen, aber auch gegen unangenehme Situationen oder Objekte richten kann. Es ist eine Form des Widerstands gegen die Realität, eine Ablehnung dessen, was als unangenehm oder unerwünscht empfunden wird.
Die etymologische Herleitung des Wortes aus vy-ā-pad (was „gegen etwas gehen/schreiten“ bedeuten kann) deutet auf diese aktive, oppositionelle Natur hin. Byāpāda ist somit mehr als nur ein Gefühl; es ist eine intentionale Haltung, ein mentaler Akt des „Dagegen-Seins“, der den Geist vergiftet und zu unheilsamen Handlungen führen kann. Dieser aktive Charakter erklärt, warum Byāpāda als so hinderlich für die geistige Entwicklung betrachtet wird: Es stößt den Geist aktiv von Zuständen der Ruhe, Konzentration und Weisheit weg.
Anmerkung: Die im Pāli-Kanon primäre Schreibweise ist Byāpāda. Die Variante Vyāpāda ist ebenfalls gebräuchlich (oft beeinflusst durch das Sanskrit), inhaltlich aber deckungsgleich.
2.2 Abgrenzung: Byāpāda, Dosa und Vihiṃsā
Im Pālikanon tauchen neben Byāpāda weitere Begriffe auf, die negative, ablehnende Geisteszustände beschreiben, insbesondere Dosa und Vihiṃsā. Obwohl sie eng verwandt sind und sich in ihrer Bedeutung überschneiden können, gibt es wichtige Nuancen.
- Dosa (Hass, Abneigung, Zorn): Dosa wird oft als eine der drei unheilsamen Wurzeln (Akusala-Mūla) genannt, zusammen mit Gier (Lobha) und Verblendung (Moha). Es repräsentiert die grundlegende Energie der Abneigung in all ihren Formen, von leichter Irritation und Ärger bis hin zu tiefem Hass und Wut. Dosa ist die Wurzel, die unheilsames Denken, Sprechen und Handeln nährt. Byāpāda wird in einigen Kontexten als Synonym oder als eine spezifische, gerichtete Manifestation von Dosa betrachtet. Man kann sagen, Dosa ist die grundlegende negative Emotion oder Energie, während Byāpāda eine ihrer Ausdrucksformen ist, oft als gezielte Feindseligkeit oder Groll gegenüber einem bestimmten Objekt oder einer Person.
- Vihiṃsā (Grausamkeit, Schädigungsabsicht): Vihiṃsā bezieht sich spezifischer auf die Absicht oder den Wunsch, anderen aktiv Schaden zuzufügen, sie zu quälen, zu verletzen oder zu unterdrücken. Während Byāpāda den Wunsch nach dem Unglück oder sogar der Vernichtung des anderen beinhalten kann, betont Vihiṃsā stärker den Aspekt der aktiven, grausamen Handlung oder Absicht des Schädigens. Byāpāda (als übelwollender Gedanke) und Vihiṃsā (als grausamer Gedanke) werden zusammen mit dem sinnlich-begehrenden Gedanken (Kāma-Saṅkappa) als die drei Arten der „falschen Absicht“ (Micchā-Saṅkappa) genannt, dem Gegenteil der Rechten Absicht auf dem Edlen Achtfachen Pfad.
Die Unterscheidung dieser Begriffe verdeutlicht verschiedene Facetten der Abneigung: Dosa als die tief verwurzelte Emotion, Byāpāda als der gerichtete mentale Zustand des Übelwollens (der oft auf die Negation oder Vernichtung des Objekts abzielt und ein zentrales Hindernis darstellt) und Vihiṃsā als die spezifische Absicht, aktiv Leid zu verursachen (oft mit dem Ziel der Unterdrückung oder Verletzung). Dieses Verständnis hilft dabei, die passenden Gegenmittel gezielt anzuwenden: Mettā (Liebende Güte) wirkt direkt dem Übelwollen von Byāpāda entgegen, während Karuṇā (Mitgefühl) besonders der Grausamkeit von Vihiṃsā entgegenwirkt.
Die folgende Tabelle fasst die Kernbedeutungen und Kontexte zusammen:
| Begriff | Kernbedeutung | Kontext/Funktion | Gegenmittel |
|---|---|---|---|
| Dosa | Hass, Abneigung, Zorn (grundlegende Emotion/Energie) | Eine der 3 unheilsamen Wurzeln (Akusala-Mūla); treibt unheilsames Kamma an. | Weisheit (Paññā), Nicht-Hass (Adosa) |
| Byāpāda | Übelwollen, Groll, Feindseligkeit (gerichtete Absicht/Zustand) | Eines der 5 Hindernisse (Nīvaraṇa); blockiert Konzentration & Weisheit; zielt auf Unglück/Vernichtung ab. | Liebende Güte (Mettā), Nicht-Übelwollen (Abyāpāda) |
| Vihiṃsā | Grausamkeit, Schädigungsabsicht (aktiver Wunsch zu verletzen) | Teil falscher Absicht (Micchā-Saṅkappa); zielt auf aktives Verletzen/Unterdrücken ab. | Mitgefühl (Karuṇā), Nicht-Schädigen (Avihiṃsā) |
Byāpāda im Kontext: Die Fünf Hindernisse (Pañca Nīvaraṇāni)
3.1 Die Fünf Hindernisse als mentale Blockaden
Der Begriff Byāpāda gewinnt besondere Bedeutung durch seine Einordnung als eines der Fünf Hindernisse (Pañca Nīvaraṇāni). Diese Hindernisse sind zentrale Konzepte in der buddhistischen Lehre über die Geistesschulung und Meditation. Das Pāli-Wort Nīvaraṇa bedeutet wörtlich „Bedeckung“, „Schleier“ oder „Hindernis“. Die fünf Hindernisse sind Geisteszustände, die den Geist bedecken oder umhüllen und dadurch seine Klarheit trüben und den Fortschritt auf dem Weg blockieren. Sie verhindern das Erreichen tieferer Konzentration (Samādhi), das Entwickeln von Einsicht (Vipassanā) und das Erlangen meditativer Vertiefungen (Jhāna). Der Buddha bezeichnete sie als „Verderbnisse des Geistes, die die Weisheit schwächen“ (cetaso upakkilese paññāya dubbalīkaraṇe).
Die Fünf Hindernisse sind:
- Sinnesbegehren (Kāmacchanda): Das Verlangen nach angenehmen Sinneserfahrungen (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen).
- Übelwollen (Byāpāda): Feindseligkeit, Groll, Hass und Abneigung gegenüber Personen, Objekten oder Situationen.
- Trägheit und Mattheit (Thīna-Middha): Geistige Dumpfheit, Antriebslosigkeit und körperliche Schwere, die zu Lethargie führen.
- Unruhe und Sorge (Uddhacca-Kukkucca): Geistige Zerstreutheit, Rastlosigkeit und quälende Reue oder Sorgen über Vergangenes oder Zukünftiges.
- Skeptischer Zweifel (Vicikicchā): Lähmender Zweifel an sich selbst, am Weg oder am Lehrer, der das Vertrauen und die Entschlossenheit untergräbt.
Das Auftreten dieser Hindernisse im Geist ist ein klares Signal dafür, dass der Geist sich in einem unheilsamen Zustand befindet. Er ist dann nicht klar, nicht ruhig und nicht aufnahmefähig für tiefere Einsichten. Das Erkennen der Hindernisse, wenn sie auftreten, ist daher ein wesentlicher erster Schritt in der Meditationspraxis und im Alltag, um sie bewusst loslassen und heilsame Geisteszustände kultivieren zu können.
3.2 Die Rolle des Übelwollens (Byāpāda)
Als zweites der Fünf Hindernisse repräsentiert Byāpāda die spezifische Blockade, die durch feindselige und ablehnende Geisteszustände entsteht. Wenn Byāpāda den Geist beherrscht, wird dieser unruhig, aufgewühlt und unfähig, innere Ruhe zu finden. Es verhindert das Aufkommen von Wohlwollen, Freundlichkeit und Mitgefühl gegenüber anderen. Der Geist ist dann wie kochendes, sprudelndes Wasser, in dem sich nichts klar spiegeln kann – ein Gleichnis, das die aufwühlende und sichtbehindernde Natur des Übelwollens verdeutlicht. Ein anderes Gleichnis vergleicht Byāpāda mit einer Krankheit, die den Körper schwächt und Wohlbefinden verhindert.
Byāpāda nährt negative Gedankenmuster, fördert das Suchen nach Fehlern bei anderen und kann zu verbaler oder körperlicher Aggression führen. Es ist eine destruktive Energie, die den Geist verzehrt und Frieden unmöglich macht. Oft steht Byāpāda in engem Zusammenhang mit dem ersten Hindernis, dem Sinnesbegehren (Kāmacchanda). Übelwollen und Ärger entstehen häufig dann, wenn unsere Wünsche frustriert werden, wenn wir nicht bekommen, was wir begehren, oder wenn wir mit Hindernissen konfrontiert sind, die der Erfüllung unserer Wünsche im Wege stehen.
Im Gegensatz zum „Hinziehen“ des Begehrens (Kāmacchanda) ist Byāpāda ein aktives „Wegstoßen“ von der Realität. Es ist eine Form der Ablehnung dessen, was ist, ein Widerstand gegen unangenehme Erfahrungen oder unliebsame Personen. Diese innere Haltung des Konflikts mit der Realität erklärt die enorme Störkraft von Byāpāda sowohl in der Meditation als auch im täglichen Leben. Es verbraucht geistige Energie in Negativität und verhindert die Entwicklung von Akzeptanz, Gelassenheit und innerem Frieden.
Byāpāda als Fessel: Die Bindung an die Sinnenwelt
Während Byāpāda als Hindernis (Nīvaraṇa) die momentane geistige Klarheit blockiert, hat es als Fessel (Saṃyojana) eine noch tiefere Bedeutung für den Zyklus der Wiedergeburten. In der Lehre von den Zehn Fesseln (Dasa Saṃyojanāni), die Wesen an das Dasein binden, nimmt Byāpāda die fünfte Stelle ein.
4.1 Die Fünfte der niederen Fesseln (Orambhāgiya-Saṃyojana)
Der Buddha unterteilt die zehn Fesseln in zwei Gruppen. Byāpāda gehört zu den fünf niederen Fesseln (Orambhāgiya-Saṃyojana). Diese werden „nieder“ genannt, weil sie das Wesen an die „niedere“ Welt, die Sinnenwelt (Kāma-Loka), binden. Solange die Fessel des Übelwollens nicht vollständig durchtrennt ist, ist das Wesen gezwungen, immer wieder in Welten geboren zu werden, die von sinnlicher Begierde und körperlicher Existenz geprägt sind. Byāpāda ist somit der „Gefängniswärter“, der verhindert, dass der Geist die Sinnenwelt endgültig transzendiert.
4.2 Die vollständige Überwindung durch den Nicht-Wiederkehrer
Die Unterscheidung zwischen Hindernis und Fessel ist entscheidend für die Praxis:
- Ein Hindernis kann zeitweise durch Konzentration (Samādhi) unterdrückt werden (Vikkhambhana).
- Die Fessel Byāpāda kann jedoch nur durch Weisheit (Paññā) und den überweltlichen Pfad endgültig abgeschnitten werden (Samuccheda).
Gemäß den Stufen der Erleuchtung wird die Fessel des Übelwollens erst auf der dritten Stufe, der des Nicht-Wiederkehrers (Anāgāmī), restlos vernichtet.
- Der Sotāpanna (Stromeingetretener) und der Sakadāgāmī (Einmalwiederkehrer) haben Byāpāda zwar geschwächt, aber noch nicht vollständig entwurzelt. Feine Spuren von Reizbarkeit können noch vorhanden sein.
- Erst der Anāgāmī hat Byāpāda (zusammen mit dem Sinnesbegehren, Kāmacchanda) so vollständig zerstört, dass er nie wieder Zorn oder Übelwollen empfinden kann. Aufgrund des Fehlens dieser Fessel kehrt er nach dem Tod nicht mehr in diese Sinnenwelt zurück, sondern erscheint spontan in den Reinen Gefilden (Suddhāvāsa), um dort Nibbāna zu verwirklichen.
Das Gegenmittel: Mettā (Liebende Güte) und Abyāpāda (Nicht-Übelwollen)
Die buddhistische Lehre beschreibt nicht nur die Hindernisse, sondern zeigt auch klare Wege auf, ihnen entgegenzuwirken. Für Byāpāda sind dies vor allem die Kultivierung von Mettā (Liebende Güte) und die Entwicklung von Abyāpāda (Nicht-Übelwollen) als Teil der Rechten Absicht.
5.1 Mettā als Kultivierung von Wohlwollen
Das direkteste und wichtigste Gegenmittel gegen Byāpāda ist die Entwicklung von Mettā, was meist mit Liebender Güte oder allumfassendem Wohlwollen übersetzt wird. Mettā ist definiert als der aufrichtige Wunsch nach dem Wohl und Glück aller Lebewesen, ohne Ausnahme, ohne Anhaftung und frei von eigennützigen Motiven. Es ist eine grundlegende Haltung der Freundlichkeit, Akzeptanz und des Wohlwollens.
Die Praxis der Mettā-Bhāvanā (Meditation der Liebenden Güte) ist eine systematische Methode zur Kultivierung dieser Qualität. Typischerweise beginnt man damit, Mettā für sich selbst zu entwickeln, da Selbstakzeptanz und Selbstmitgefühl die Basis für echtes Wohlwollen gegenüber anderen bilden. Von sich selbst ausgehend, wird der Kreis des Wohlwollens schrittweise erweitert: auf geliebte Personen, neutrale Personen, schwierige Personen und schließlich auf alle Wesen im Universum. Mettā ist eine der vier Brahma-Vihāras (Göttliche Verweilungszustände), zusammen mit Mitgefühl (Karuṇā), Mitfreude (Muditā) und Gleichmut (Upekkhā).
Die Kultivierung von Mettā wirkt Byāpāda aktiv entgegen. Sie ersetzt Gefühle von Feindseligkeit, Groll und Hass durch Freundlichkeit, Geduld und Akzeptanz. Indem man bewusst eine Geisteshaltung des Wohlwollens einnimmt und stärkt, schafft man ein inneres Umfeld, in dem Übelwollen nur schwer entstehen und bestehen kann. Mettā ist dabei keine passive Sentimentalität, sondern eine aktive Geistesschulung (Bhāvanā), die Beharrlichkeit und Geschick erfordert. Sie zielt darauf ab, die gewohnheitsmäßigen Reaktionsmuster des Geistes von Abneigung hin zu Wohlwollen umzuformen und so die innere Landschaft grundlegend zu verändern.
5.2 Abyāpāda als Teil der Rechten Absicht
Neben der Kultivierung von Mettā spielt auch Abyāpāda – das Freisein von Übelwollen oder Groll – eine entscheidende Rolle. Abyāpāda ist ein zentraler Bestandteil der Rechten Absicht (Sammā-Saṅkappa), dem zweiten Glied des Edlen Achtfachen Pfades.
Die Rechte Absicht umfasst drei Aspekte:
- Die Absicht des Entsagens (Nekkhamma-Saṅkappa): Die Absicht, frei von sinnlichem Begehren zu sein.
- Die Absicht des Nicht-Übelwollens (Abyāpāda-Saṅkappa): Die Absicht, frei von Groll, Hass und Feindseligkeit zu sein.
- Die Absicht des Nicht-Schädigens (Avihiṃsā-Saṅkappa): Die Absicht, frei von Grausamkeit und dem Wunsch zu verletzen zu sein.
Abyāpāda-Saṅkappa ist somit der bewusste Entschluss und die willentliche Ausrichtung des Geistes, Gedanken zu kultivieren, die frei von Übelwollen sind. Dieser Pfadfaktor zielt direkt auf das Hindernis Byāpāda ab. Indem man Rechte Absicht entwickelt, schwächt man die Wurzeln des Übelwollens im eigenen Geist.
Die Einordnung von Abyāpāda in die Rechte Absicht (Sammā-Saṅkappa) unterstreicht einen wichtigen Punkt: Die Überwindung von Übelwollen beginnt mit einer bewussten Entscheidung und einer willentlichen Anstrengung (Saṅkappa). Es geht nicht nur darum, passiv auf das Entstehen von Mettā zu warten, sondern aktiv einen Weg zu wählen, der frei von Groll und Feindseligkeit ist. Während Byāpāda oft reaktiv oder unbewusst entsteht, erfordert der Pfad zur Befreiung eine proaktive Haltung: die bewusste Erzeugung der Absicht, frei von Übelwollen zu sein. Diese Absichtlichkeit ist der entscheidende erste Schritt, um die Energie des Geistes von Byāpāda wegzulenken und sie auf heilsame Qualitäten wie Mettā auszurichten.
Lehrreden (Suttas) zu Byāpāda: Von der latenten Tendenz zur Befreiung
Um Byāpāda tiefgreifend zu verstehen, muss man Lehrreden betrachten, die es nicht nur als momentanes Ärgernis, sondern als tief verwurzelte Fessel beschreiben. Die folgenden Suttas aus dem Majjhima Nikāya (MN) zeichnen den Weg von der Diagnose der Fessel bis zu ihrer vollständigen Überwindung. Hinweis: Erklärende Texte zu Lehrreden finden sich im Lehrreden-Verzeichnis.
6.1 MN 64: Mahā-Mālukya Sutta (Die große Lehrrede an Mālukyaputta)
- Quelle: Majjhima Nikāya 64, Mahā-Mālukya Sutta – Die große Lehrrede an Mālukyaputta.
- Inhalt: In dieser entscheidenden Lehrrede korrigiert der Buddha die naive Ansicht, dass man frei von Fesseln sei, nur weil man gerade nicht wütend ist. Er erklärt dies am Beispiel eines Säuglings: Ein kleines Kind hat noch keinen Begriff von „Feind“, aber die latente Tendenz zu Übelwollen (Byāpāda-Anusaya) schlummert bereits in ihm. Die Lehrrede listet Byāpāda explizit als eine der fünf niederen Fesseln (Orambhāgiya-Saṃyojana) auf, die an die Sinnenwelt binden.
- Relevanz (Die Diagnose): Dieses Sutta ist der „Missing Link“ zum Verständnis von Byāpāda als Fessel. Es zeigt, dass Übelwollen nicht nur ein aktiver Gedanke ist, sondern eine tiefere Konditionierung. Es verdeutlicht, warum erst der Nichtwiederkehrer (Anāgāmī), der diese Wurzel durchtrennt hat, endgültig befreit ist. Solange die latente Tendenz besteht, ist die Fessel nicht gelöst.
- MN 64 – Zusammenfassung und Erklärung der Lehrrede im Lehrreden-Verzeichnis.
6.2 MN 21: Kakacūpama Sutta (Das Gleichnis von der Säge)
- Quelle: Majjhima Nikāya 21, Kakacūpama Sutta – Das Gleichnis von der Säge.
- Inhalt: Wenn MN 64 die Diagnose stellt, liefert MN 21 den radikalsten Praxistest. Der Buddha ermahnt den Mönch Moliya Phagguna und verwendet das berühmte Gleichnis von der Säge: Selbst wenn Räuber einen Glied für Glied zerstückeln würden, sollte man einen Geist bewahren, der von Mettā (Liebender Güte) erfüllt ist, frei von Ärger und Hass. Der Buddha fordert dazu auf, den Geist so zu schulen, dass er selbst unter extremster Provokation unberührt bleibt.
- Relevanz (Die Praxis): Dieses Sutta setzt den absoluten Maßstab für Abyāpāda (Nicht-Übelwollen). Es macht deutlich, dass die wahre Freiheit von dieser Fessel nicht in friedlichen Umständen liegt, sondern in der Fähigkeit, selbst unter unvorstellbarem Leid bedingungsloses Wohlwollen zu bewahren.
- MN 21 – Zusammenfassung und Erklärung der Lehrrede im Lehrreden-Verzeichnis.
6.3 MN 7: Vatthūpama Sutta (Das Gleichnis vom Tuch)
- Quelle: Majjhima Nikāya 7, Vatthūpama Sutta – Das Gleichnis vom Tuch.
- Inhalt: Der Buddha verwendet hier das Gleichnis eines verschmutzten Tuchs, das keine Farbe annehmen kann. Byāpāda wird als eine der Geistesverunreinigungen (Upakkilesa) genannt. Diese müssen „ausgewaschen“ werden, damit der Geist rein wird wie ein sauberes Tuch. Das Aufgeben dieser Befleckungen führt zu unerschütterlichem Vertrauen, Freude und schließlich zur Konzentration (Samādhi).
- Relevanz (Die Reinigung): Dieses Sutta beschreibt den Prozess der Läuterung. Es zeigt Byāpāda als einen Fleck, der die Natur des Geistes trübt und die Aufnahme höherer Weisheit verhindert. Die aktive Reinigung von diesem Fleck ist die Voraussetzung für spirituellen Fortschritt.
- MN 7 – Zusammenfassung und Erklärung der Lehrrede im Lehrreden-Verzeichnis.
Weitere Textverweise im Pālikanon
Neben den ausführlicheren Darstellungen im MN finden sich auch im Samyutta Nikāya (SN) und Aṅguttara Nikāya (AN) wichtige Hinweise zu Byāpāda.
7.1 Samyutta Nikāya (SN): Das Kapitel über die Hindernisse
Im Samyutta Nikāya wird das Thema ausführlich im Kontext der Fünf Hindernisse (Nīvaraṇa) und ihrer Beziehung zu den sieben Erleuchtungsgliedern (Bojjhaṅga) behandelt.
- Wichtige Lehrrede: Besonders relevant ist SN 46.51, das Āhāra Sutta (Die Lehrrede von der Nahrung). Hier erklärt der Buddha die Kausalität: Die Nahrung für Byāpāda ist die „unsystematische Aufmerksamkeit“ (Ayoniso Manasikāra) auf das „Zeichen des Abstoßenden“ (Paṭigha-Nimitta). Die Entnährung (das Gegenmittel) ist die „Geistbefreiung durch Liebende Güte“ (Mettā Cetovimutti), unterstützt durch systematische Aufmerksamkeit.
- Relevanz: Das Sutta liefert die psychologische Mechanik: Wer sich auf das Negative fokussiert, füttert das Übelwollen. Wer Mettā kultiviert, entzieht ihm die Nahrung.
- SN 46 – Zusammenfassung des Kapitels im Lehrreden-Verzeichnis.
7.2 Aṅguttara Nikāya (AN): Achtsamkeit als Schlüssel
Der Aṅguttara Nikāya stellt die direkte Verbindung zur Praxis her.
- Wichtige Lehrrede: AN 9.64, das Nīvaraṇa Sutta listet die Hindernisse auf und gibt die klare Anweisung: „Um diese fünf Hindernisse aufzugeben, ihr Mönche, sind die vier Grundlagen der Achtsamkeit zu entwickeln.“
- Relevanz: Dies ist die praktische Brücke: Die Übung der Achtsamkeit (Satipaṭṭhāna) ist das Werkzeug, mit dem die Hindernisse erkannt und aufgelöst werden.
Zusammenfassung und Ausblick
Byāpāda, das Übelwollen oder der Groll, ist ein zentraler unheilsamer Geisteszustand im Buddhismus. Es wirkt als aktives „Wegstoßen“ der Realität und ist eng mit der Wurzel des Hasses (Dosa) verbunden. Während es als Hindernis (Nīvaraṇa) die Meditation wie kochendes Wasser trübt, bindet es als fünfte der zehn Fesseln (Saṃyojana) das Wesen an die Sinnenwelt.
Die Lehrreden illustrieren diesen Weg zur Befreiung eindrücklich: Das Mahā-Mālukya Sutta (MN 64) entlarvt die latente Tendenz des Übelwollens als tiefe Fessel, die erst der Nichtwiederkehrer vollständig durchtrennt. Ergänzend dazu setzt das Kakacūpama Sutta (MN 21) mit dem Gleichnis von der Säge den radikalen Maßstab für Geduld, während das Vatthūpama Sutta (MN 7) den Reinigungsprozess des Geistes beschreibt. Auf der praktischen Ebene zeigen Texte wie das Āhāra Sutta (SN 46.51) und das Nīvaraṇa Sutta (AN 9.64), dass Achtsamkeit und die Kultivierung von Mettā (Liebender Güte) die entscheidenden Werkzeuge sind, um diesem leidvollen Zustand die Nahrung zu entziehen.
Für Praktizierende bedeutet dies: Das Erkennen von Übelwollen ist kein Zeichen des Scheiterns, sondern der erste Schritt der Reinigung. Durch die beständige Ausrichtung auf Wohlwollen (Abyāpāda) wird der Geist schrittweise von dieser Last befreit, bis er schließlich unerschütterlichen Frieden findet.
Referenzen & weiterführende Webseiten/Dokumente
Quellen, Suttas & Nachschlagewerke- Palikanon.com: Wörterbuch & Suttas – Die zentrale deutsche Referenz für Begriffsdefinitionen (Nyanatiloka) und vollständige Sutta-Übersetzungen.
- Theravāda-Netz: Glossar & Studienmaterial – Umfangreiche Sammlung mit Suchfunktion für spezifische Fachbegriffe und systematische Erklärungen.
- Alois Payer: Materialien zu den Grunderlehren – Eine „Fundgrube“ für sehr detaillierte, akademische Aufschlüsselungen buddhistischer Begriffe und Systematiken.
- Wikipedia: Portal Buddhismus – Enzyklopädischer Einstieg für Definitionen, Historie und Querverweise zu verwandten Konzepten.
- Akincano Marc Weber: Texte & Essays – Tiefenpsychologische und philologische Analysen zentraler buddhistischer Schlüsselbegriffe.
- Fred von Allmen: Dharma-Texte & Artikel – Schriftliche Studien zur Klärung zentraler Aspekte des Pfades und deren praktischer Anwendung.
- Forest Sangha: Publikationen der Waldtradition – Veröffentlichungen (u.a. Ajahn Chah, Ajahn Sumedho), die Begriffe oft sehr lebensnah und direkt erklären.
- Suttanta-Gemeinschaft: Online-Bibliothek – E-Books und Schriften zur systematischen Aufschlüsselung der Lehrreden und Konzepte.
- Dhamma Dana: Buchprojekt (BGM) – Kostenlose Literatur, die buddhistische Grundbegriffe und Praxisanleitungen umfassend behandelt.
- BuddhasLehre: Audio- & Videothek – Traditionsübergreifende Sammlung, hilfreich um unterschiedliche Auslegungen von Begriffen kennenzulernen.
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