Wunsch, Neigung (Chanda)

👤 Von Ronald Mayrhofer  |  ⏱️ Ca. 17 Min. Lesezeit

Chanda (Wunsch, Neigung, Streben) im frühen Buddhismus

Ein Leitfaden, der den Pāli-Begriff Chanda definiert und seine vielseitige Rolle im frühen Buddhismus beleuchtet.

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Einleitung: Die Bedeutung von Pāli-Begriffen im Buddhismus

Das Studium des frühen Buddhismus erfordert ein präzises Verständnis seiner zentralen Terminologie, die hauptsächlich in der Pāli-Sprache überliefert ist. Oberflächliche oder ungenaue Übersetzungen können die tiefgründigen Lehren des Buddha verzerren und zu fundamentalen Missverständnissen führen. Begriffe wie Chanda, die im Deutschen oft einfach als „Wunsch“ wiedergegeben werden, tragen im Pāli eine vielschichtige Bedeutung, die je nach Kontext heilsame oder unheilsame Qualitäten annehmen kann. Eine differenzierte Betrachtung dieser Begriffe ist daher unerlässlich, um die Komplexität des Dhamma vollständig zu erfassen.

Dieser Leitfaden definiert den Pāli-Begriff Chanda umfassend und beleuchtet seine vielseitige Rolle im frühen Buddhismus. Er richtet sich an Laien, die bereits über Grundkenntnisse der Pāli-Terminologie und der Struktur der Nikāyas (der Sammlungen der Lehrreden) verfügen. Ziel ist es, das Verständnis durch gezielte Verweise auf Originaltexte des Pālikanons zu vertiefen. Gleichzeitig ist er so konzipiert, dass auch Leser ohne Vorkenntnisse einen Zugang zum Thema finden können, indem komplexe Konzepte klar und verständlich erläutert werden. Die Hauptquelle für alle zitierten und erwähnten Lehrreden ist Suttacentral.net.

Chanda: Definition und Facetten eines vielschichtigen Begriffs

Der Pāli-Begriff Chanda ist ein facettenreicher mentaler Faktor, dessen Bedeutung im Deutschen am besten mit „Wunsch“, „Neigung“ oder „Streben“ umschrieben werden kann. Weitere Übersetzungen umfassen „Interesse“, „Eifer“, „Impuls“ und „Entschlossenheit“. Im Rahmen der Abhidhamma-Lehren (der späteren systematischen Analyse von Geist und Lehre) wird Chanda als einer der sechs gelegentlichen mentalen Faktoren (Cetasika) identifiziert.

Ein entscheidendes Merkmal von Chanda ist seine ethische Variabilität. Im Gegensatz zu Begriffen wie Taṇhā (Begehren/Durst) oder Lobha (Gier) und Rāga (Lust), die im Buddhismus ausnahmslos als unheilsam gelten, ist Chanda nicht von Natur aus heilsam oder unheilsam. Seine moralische Qualität wird vielmehr durch die mentalen Faktoren bestimmt, mit denen es verbunden ist. Diese grundlegende Nuancierung ist von großer Bedeutung, da sie das weit verbreitete Missverständnis korrigiert, der Buddhismus lehre die Ablehnung jeglichen Wunsches. Vielmehr wird zwischen konstruktiven und destruktiven Formen des Strebens unterschieden.

Heilsames Chanda (Kusala-Chanda oder Dhamma-Chanda)

Wenn Chanda mit Weisheit und Intelligenz einhergeht, manifestiert es sich als eine heilsame, förderliche Kraft. Ajahn Sucitto fasst die Dhamma-Schulung als die Transformation von Taṇhā (klammerndes Verlangen) in Chanda zusammen. Ajahn Jayasāro hebt hervor, dass der Buddha zwei Arten von Wunsch unterschied: Taṇhā, das aus Unwissenheit und Täuschung entsteht, und Kusala-Chanda oder Dhamma-Chanda, das aus Weisheit entspringt. Dieser heilsame Wunsch ist nach Jayasāro für jeden Fortschritt auf dem Edlen Achtfachen Pfad unerlässlich. Es wird auch in Verbindung mit anderen positiven Eigenschaften wie Anstrengung (Vāyāma), Eifer (Ussāha) und Ausdauer (Ussoḷhi) genannt. Diese Form des Strebens ist eine entscheidende Triebfeder für die spirituelle Entwicklung.

Unheilsames Chanda (Akusala-Chanda)

In einem negativen Kontext nimmt Chanda die Bedeutung von „Begehren“ an und wird häufig mit Begriffen für „Sinnlichkeit“, „Gier“ oder „Lust“ verbunden. Ein prominentes Beispiel hierfür ist Kāmacchanda (Sinnesverlangen), das als eines der fünf Hindernisse (Nīvaraṇa) die meditative Entwicklung und den spirituellen Fortschritt behindert. Ein weiterer unheilsamer Ausdruck ist Chanda-Rāga (lüsterne Neigung), der die Verbindung von Chanda mit Rāga (Lust) hervorhebt und stets unheilsam ist. Wenn Chanda in dieser Qualität auftritt, kann es eine Wurzel des Leidens (Mūlaṃ Dukkhassa, SN 42.11) sein und wird als Verunreinigung des Geistes (Cittass‘ Upakkileso, SN 27.1) beschrieben. Die Befreiung von Chanda in diesem unheilsamen Sinne ist für das Erreichen der Arahantschaft (vollständiges Erwachen) notwendig.

Die dynamische Natur von Chanda

Chanda ist nicht lediglich ein passiver Wunschzustand, sondern eine aktive, zielgerichtete Triebkraft. In der postkanonischen Abhidhamma– und Kommentarliteratur wird seine Charakteristik als der ‚Wunsch zu handeln‘ (Kattukamyatā) definiert, was als das ‚Ausstrecken der Hand des Geistes nach dem Objekt‘ beschrieben wird. Seine Funktion ist in dieser Systematik das Suchen nach einem Objekt, seine Manifestation das Bedürfnis nach einem Objekt, und das Objekt selbst ist seine unmittelbare Ursache. In dieser Systematik ist Chanda ein wichtiger Antrieb für zielgerichtetes Handeln, sei es heilsam oder unheilsam. Als gelegentlicher Faktor ist es jedoch nicht in jedem Geisteszustand vorhanden.

Chanda und Cetanā: Wunsch als Triebkraft, Wille als Tat

Cetanā: Die Willensausrichtung als Kamma

Sutta-Nummer Pāli-Name Gebräuchlicher Deutscher Name Hauptquelle / Referenz
AN 6.63 Nibbedhika Sutta Die durchdringende Rede suttacentral.net/an6.63

Cetanā wird als „Absicht“, „Volition“, „Zweck“ oder „Wille“ übersetzt. Bhikkhu Bodhi glossiert Cetanā als den mentalen Faktor, der sich mit der Verwirklichung eines Ziels befasst, d. h. dem konativen oder voluntativen Aspekt der Kognition. Der Buddha selbst unterstreicht die zentrale Rolle von Cetanā für die Kamma-Lehre im Nibbedhika Sutta: „Den Willen (Cetanā) nenne ich die Tat (Kamma).“ (Cetanāhaṃ, bhikkhave, kammaṃ vadāmi, AN 6.63). Dies verdeutlicht, dass die moralische Qualität einer Handlung primär im Willen liegt, der ihr zugrunde liegt und deren karmische Konsequenzen bestimmt. Cetanā gehört zu den Geistesformationen (Saṅkhārā) innerhalb der fünf Aggregate (Khandhā) und kann, wie Chanda, heilsam (Kusala) oder unheilsam (Akusala) sein. Für Arahants (vollständig Erwachte) entsteht Cetanā nicht mehr im karmischen Sinne, da sie kein neues Kamma ansammeln, das zu weiterer Wiedergeburt führen würde.

AN 6.63 – Zusammenfassung und Erklärung der Lehrrede im Lehrreden-Verzeichnis.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Gemeinsamkeiten: Beide Begriffe sind mentale Faktoren, die mit dem Willen und der Ausrichtung des Geistes zu tun haben. Sie sind eng miteinander verbunden und können in bestimmten Kontexten überlappend erscheinen.

Unterschiede:
Chanda als Wunsch/Streben (Motivation): Chanda ist der Wunsch oder das Streben nach etwas, der Drang, etwas zu tun oder zu erreichen. Es ist die Motivation oder der Impuls, die den Geist auf ein Objekt oder Ziel hin ausstreckt. Es ist der „Wunsch, etwas zu tun“.

Cetanā als Wille/Willensausrichtung (Akt der Volition): Cetanā ist die konkrete Willensentscheidung oder Volition, die eine Handlung tatsächlich initiiert und deren karmische Konsequenzen bestimmt. Es ist der aktive Aspekt des Wollens, der zur Tat wird.

Beziehung zueinander: In einer möglichen Deutung kann Kusala-Chanda (heilsamer Wunsch) zu Kusala-Cetanā (heilsamem Willen) führen. In diesem Bild gibt Chanda die Richtung vor, Cetanā setzt sie um und prägt die moralische Wirkung. Chanda kann als die treibende Kraft oder der Wunsch verstanden werden, der einer Handlung zugrunde liegt, während Cetanā die konkrete Willensausrichtung ist, die diese Handlung ausführt und somit ihre karmische Qualität bestimmt. Chanda motiviert, Cetanā realisiert.

Vorkommen bei Arahants: Ein wichtiger Unterschied ist, dass Cetanā bei Arahants nicht mehr im karmischen Sinne auftritt, da sie kein neues Kamma ansammeln. Nach einer späteren Deutung kann Chanda bei Arahants weiterhin vorhanden sein, etwa als Wunsch, anderen zu helfen oder die Lehre zu erhalten. Die Lehrreden betonen dagegen, dass der Wunsch nach dem Ziel mit dem Erreichen zur Ruhe kommt: Im Uṇṇābhabrāhmaṇa Sutta (SN 51.15) vergleicht Ānanda ihn mit dem Wunsch, zum Park zu gehen, der bei der Ankunft erlischt. Nach dieser Deutung wäre Chanda eine grundlegendere, nicht unbedingt karmisch bindende Triebkraft, während Cetanā direkt mit der Schaffung von Kamma verbunden ist. Gemeint ist in dieser Lesart, dass der Pfad nicht zu Apathie führt, sondern zu einer Motivation, die frei von Anhaftung ist.

Vergleich von Chanda und Cetanā

Merkmal Chanda (Wunsch, Neigung, Streben) Cetanā (Wille, Willensausrichtung)
Grundbedeutung Impuls, Wunsch zu handeln, Streben nach einem Objekt Volition, konkreter Wille, aktiver Gedanke, der zur Tat wird
Ethische Qualität Ethisch variabel (heilsam oder unheilsam) Heilsam oder unheilsam, bestimmt die moralische Qualität des Kamma
Beziehung zu Kamma Motiviert den Willen, der Kamma erzeugt; kann selbst die Wurzel von Leiden sein Ist die Tat (Kamma) selbst; bestimmt ihre karmischen Folgen
Rolle im Pfad Kann als heilsamer Eifer (Kusala-Chanda) Triebkraft für Fortschritt sein (Iddhipāda, Rechte Anstrengung) Ist die Willensentscheidung, die zu heilsamen oder unheilsamen Handlungen führt
Vorkommen bei Arahants Nach späterer Deutung möglich (z. B. als Wunsch zu lehren); nach SN 51.15 kommt der Wunsch nach dem Ziel mit dem Erreichen zur Ruhe Tritt nicht mehr im karmischen Sinne auf (keine Ansammlung von neuem Kamma)

Chanda in den Lehrreden des Pālikanons

Die Bedeutung von Chanda wird in zahlreichen Lehrreden des Pāli-Kanons detailliert beleuchtet. Die folgenden Suttas bieten besonders aufschlussreiche Einblicke in seine verschiedenen Facetten und Rollen.

Dīgha Nikāya (DN) & Majjhima Nikāya (MN): Lehrreden, die Chanda beleuchten

Sutta-Nummer Pāli-Name Gebräuchlicher Deutscher Name Hauptquelle / Referenz
MN 109 Mahāpuṇṇama Sutta Die große Vollmondnacht-Rede suttacentral.net/mn109
MN 77 Mahāsakuludāyi Sutta Die große Rede an Sakuludāyin suttacentral.net/mn77

MN 109: Mahāpuṇṇama Sutta (Die große Vollmondnacht-Rede)

Diese Rede ist von zentraler Bedeutung für das Verständnis des unheilsamen Aspekts von Chanda. Sie stellt explizit fest, dass die fünf Anhaftungsgruppen (Pañcupādānakkhandhā) – Form, Gefühl, Wahrnehmung, Geistesformationen und Bewusstsein – in Chanda verwurzelt sind. Auf die nächste Frage erklärt der Buddha, dass „Wunsch und Gier“ (Chandarāga) nach den fünf Anhaftungsgruppen das Anhaften selbst ist. Dies unterstreicht die fundamentale Rolle von unheilsamem Chanda als Ursache des Leidens und der Anhaftung. Es bildet die Grundlage dafür, dass man sich mit den Aggregaten identifiziert und das Dasein sich fortsetzt.

MN 109 – Zusammenfassung und Erklärung der Lehrrede im Lehrreden-Verzeichnis.

MN 77: Mahāsakuludāyi Sutta (Die große Rede an Sakuludāyin)

Diese Rede beleuchtet den heilsamen Aspekt von Chanda als notwendige Triebkraft für den spirituellen Pfad. Unter den Übungen, die der Buddha seinen Schülern erklärt hat, nennt er die Vier Rechten Anstrengungen (Sammappadhāna). Ihre Formel beginnt mit dem Wunsch: „Er erzeugt den Wunsch (Chandaṃ janeti), strengt sich an, zieht die Energie heran, richtet den Geist aus und bemüht sich.“ Dies zeigt, wie Kusala-Chanda die Grundlage für die Anstrengung legt, unheilsame Zustände zu überwinden und heilsame zu entwickeln, und somit eine unverzichtbare Motivation für die Praxis darstellt.

MN 77 – Zusammenfassung und Erklärung der Lehrrede im Lehrreden-Verzeichnis.

Saṃyutta Nikāya (SN): Das Saṃyutta der Grundlagen der spirituellen Kraft (Iddhipāda Saṃyutta)

Saṃyutta- / Sutta-Nummer Pāli-Name Gebräuchlicher Deutscher Name Hauptquelle / Referenz
SN 51 Iddhipāda Saṃyutta Das Saṃyutta der Grundlagen der spirituellen Kraft suttacentral.net/sn51
SN 51.20 Vibhaṅga Sutta Analyse-Rede suttacentral.net/sn51.20

SN 51: Iddhipāda Saṃyutta (Das Saṃyutta der Grundlagen der spirituellen Kraft)

Dieses gesamte Kapitel des Saṃyutta Nikāya ist den vier Grundlagen der spirituellen Kraft (Iddhipāda) gewidmet, von denen Chanda (Wunsch/Eifer) die erste ist. Die Entwicklung dieser Grundlagen ist entscheidend für die Erlangung spiritueller Kräfte und letztlich für die Befreiung.

SN 51 – Zusammenfassung und Erklärung des Kapitels im Lehrreden-Verzeichnis.

SN 51.20: Vibhaṅga Sutta (Analyse-Rede)

Innerhalb des Iddhipāda Saṃyutta bietet diese Rede eine detaillierte Anleitung zur Entwicklung von Chanda als Grundlage der spirituellen Kraft. Sie beschreibt, wie ein Mönch die Grundlage der spirituellen Kraft entwickelt, die mit Sammlung aus Wunsch (Chanda-samādhi) und aktiver Anstrengung (Padhāna-saṅkhāra) ausgestattet ist. Die Rede betont die Notwendigkeit, den Eifer ausgewogen zu halten: Er sollte „weder zu träge noch zu angespannt, weder innerlich eingeengt noch äußerlich zerstreut“ sein. Die Rede erklärt diese Zustände selbst: Zu träge ist der Wunsch, wenn Faulheit ihn begleitet, zu angespannt bei Unruhe, innerlich eingeengt bei Trägheit und Mattheit, und äußerlich zerstreut, wenn er sich in den fünf Strängen der Sinnenlust verliert. Dies ist ein praktischer Leitfaden zur Kultivierung von Chanda im meditativen Kontext, der aufzeigt, wie dieser Eifer zu Konzentration (Samādhi) und letztlich zur Befreiung führen kann.

Aṅguttara Nikāya (AN): Eine Lehrrede über die Wurzel aller Dinge

Sutta-Nummer Pāli-Name Gebräuchlicher Deutscher Name Hauptquelle / Referenz
AN 10.58 Mūlaka Sutta Die Wurzel-Rede suttacentral.net/an10.58

AN 10.58: Mūlaka Sutta (Die Wurzel-Rede)

Diese Rede macht eine grundlegende Aussage über Chanda: „Alle Phänomene sind in Chanda verwurzelt.“ (chandamūlakā, āvuso, sabbe dhammā). Die Lehrrede ist als Antwort formuliert, die die Mönche Wanderasketen anderer Schulen geben sollen. Die Rede führt weiter aus, dass Phänomene durch Aufmerksamkeit entstehen, Kontakt als Ursprung haben, auf Gefühl zusammenlaufen, Konzentration als Haupt haben, Achtsamkeit als Herrscher, Weisheit als Aufseher, Befreiung als Kern, das Todlose als Ziel und Nibbāna (Erlöschung) als Endziel. Da die Reihe mit Befreiung und Nibbāna endet, lässt sie sich als Beschreibung des Weges lesen, an dessen Anfang der Wunsch steht. Zusammen mit MN 109, wo die fünf Anhaftungsgruppen in Chanda wurzeln, zeigt sich die doppelte Rolle des Wunsches: Er kann an das Leiden binden und den Weg zur Befreiung tragen.

Chanda im Kontext weiterer wichtiger Begriffe

Das Verständnis von Chanda wird durch seine Verknüpfung mit anderen zentralen buddhistischen Begriffen weiter vertieft. Chanda ist kein isoliertes Konzept, sondern ein Schlüssel, der verschiedene Lehren über Leid, Befreiung und den Pfad miteinander verbindet.

Iddhipāda (Grundlagen der spirituellen Kraft):

Chanda ist die erste der vier Grundlagen der spirituellen Kraft (Iddhipāda), die für die Entwicklung von Konzentration (Samādhi) und das Erreichen von Nibbāna entscheidend sind. Die anderen drei Grundlagen sind Viriya (Anstrengung/Energie), Citta (Geistesentwicklung/Bewusstsein) und Vīmaṃsā (Untersuchung/Weisheit). Diese Faktoren sind Teil der 37 Glieder zum Erwachen (Erleuchtungsfaktoren, Bodhipakkhiyā Dhammā). Ihre Kultivierung ermöglicht es dem Praktizierenden, tiefere meditative Zustände zu erreichen und letztlich die Befreiung zu verwirklichen.

Nīvaraṇa (Hindernisse):

Im Gegensatz zum heilsamen Chanda steht Kāmacchanda (Sinnesverlangen) als eines der fünf Haupthindernisse, die den Geist trüben und die meditative Entwicklung massiv behindern. Die Überwindung von Kāmacchanda ist eine Voraussetzung für das Eintreten in die Jhānas (meditative Vertiefungen) und somit für den Fortschritt auf dem Pfad zur Befreiung.

Khandhā (Fünf Anhaftungsgruppen):

Wie bereits im Mahāpuṇṇama Sutta (MN 109) erläutert, sind die fünf Anhaftungsgruppen (Form, Gefühl, Wahrnehmung, Geistesformationen, Bewusstsein) in Chanda verwurzelt. Nach MN 109 ist das Verlangen und die Gier nach diesen Aggregaten selbst das Anhaften (Upādāna) und damit eine Grundlage für Leid. Die Anhaftung an die Khandhā ist der Mechanismus, durch den sich das Ich- und Mein-Machen manifestiert und der Kreislauf der Wiedergeburten aufrechterhalten wird.

Taṇhā (Durst/Begehren):

Es ist entscheidend, Chanda von Taṇhā (Durst, Begehren, Verlangen) abzugrenzen. Während Chanda ethisch variabel ist und auch heilsame Formen annehmen kann, ist Taṇhā immer unheilsam und wird als die Hauptursache des Leidens und des Kreislaufs der Wiedergeburten (Saṃsāra) identifiziert. Taṇhā ist das klammernde Verlangen nach Sinnesfreuden, Dasein oder Nicht-Dasein, das zu immer neuen Existenzen führt. In der Deutung Ajahn Sucittos kann die Dhamma-Schulung als die Transformation von Taṇhā in Chanda verstanden werden; die Energie des Verlangens wird dabei von unheilsamen Objekten auf heilsame Ziele umgelenkt.

Lobha/Rāga (Gier/Lust):

Diese Begriffe sind, wie Taṇhā, stets unheilsam. Lobha bezeichnet Gier, während Rāga Lust oder Leidenschaft bedeutet. Oft bilden sie zusammengesetzte Begriffe wie Chanda-Rāga, um lüsterne Neigung oder Gier auszudrücken, die als unheilsame Formen von Chanda gelten. Sie sind die Wurzeln unheilsamer Handlungen.

Sammā-Vāyāma (Rechter Eifer / Rechte Anstrengung):

Kusala-Chanda ist die treibende Kraft hinter der Rechten Anstrengung, einem Faktor des Edlen Achtfachen Pfades. Die Rechte Anstrengung umfasst die Anstrengung, unheilsame Zustände zu vermeiden und zu überwinden sowie heilsame Zustände zu entwickeln und aufrechtzuerhalten. Ohne den heilsamen Wunsch (Chanda) fehlt die Motivation für diese grundlegende Anstrengung auf dem Pfad.

Chanda taucht in vielen zentralen Lehren auf: als Teil der Iddhipāda, als Hindernis (Kāmacchanda), als Wurzel der Khandhā und in Abgrenzung zu Taṇhā. Das zeigt seine Rolle als Schlüsselkonzept, das verschiedene zentrale buddhistische Lehren miteinander verbindet. Sein Verständnis ist essenziell, um die Verflechtung der Lehren über Leid, Befreiung und den Pfad zu erfassen. Es zeigt, wie ein einziger mentaler Faktor je nach seiner Ausrichtung und seinem Objekt sowohl eine Ursache für Leid als auch eine Triebkraft für die Befreiung sein kann.

Fazit: Chanda als Schlüssel zum Verständnis des Pfades

Die Analyse des Pāli-Begriffs Chanda offenbart seine duale Natur als eine potenziell karmisch bindende Kraft und gleichzeitig als eine befreiende Triebfeder im Buddhismus. Es ist nicht der Wunsch an sich, der Leid verursacht, sondern die Qualität und Ausrichtung dieses Wunsches. Während unheilsames Chanda, insbesondere in Form von Kāmacchanda (Sinnesverlangen) oder Chanda-Rāga (lüsterne Neigung), den Geist trübt und an den Kreislauf des Leidens bindet, ist heilsames Chanda (Kusala-Chanda) eine unverzichtbare Voraussetzung für spirituellen Fortschritt.

Die Fähigkeit, Chanda von Taṇhā (Begehren/Durst) zu unterscheiden und die Energie des Verlangens von anhaftenden Objekten auf heilsame Ziele umzulenken, ist ein zentraler Aspekt der buddhistischen Praxis. Kusala-Chanda ist die treibende Kraft hinter der Rechten Anstrengung und eine der Grundlagen der spirituellen Kraft (Iddhipāda), die zur Entwicklung von Konzentration und zur letztendlichen Befreiung führen. Ob bei Arahants ein befreites Chanda bestehen bleibt, wird unterschiedlich gedeutet; nach SN 51.15 kommt der Wunsch, der zur Befreiung führt, mit ihrem Erreichen zur Ruhe.

Das Studium der hier zitierten Lehrreden – insbesondere MN 109, MN 77, SN 51.20 und AN 10.58 – bietet interessierten Lesern einen tiefen Einblick in die vielschichtige Bedeutung von Chanda. Diese Texte verdeutlichen, wie vielseitig dieser mentale Faktor wirkt und wie seine bewusste Kultivierung oder Überwindung den Weg zu Nibbāna ebnet. Für Praktizierende des Dhamma ist das Verständnis und die Transformation von Chanda ein Schlüssel zur Verwirklichung des Pfades.

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Referenzen & weiterführende Webseiten/Dokumente

Quellen, Wörterbücher & Nachschlagewerke Essays & Vertiefung E-Books, Bibliotheken & Audio
  • Edition Suttanta: Online-Bibliothek – Freie E-Books, darunter die „Majjhima-Mātikā“: eine systematische Auflistung aller Lehrpunkte der Mittleren Sammlung mit den Pāli-Begriffen.
  • Dhamma Dana: Buchprojekt der BGM – Kostenlose Literatur, nach Themen wie Nicht-Ich, Bedingte Entstehung, Kamma oder Nibbāna geordnet, ideal zur Vertiefung einzelner Konzepte.
  • Schatztruhe Palikanon: Der YouTube-Kanal – Zusammenfassungen (als Podcast), die den Zugang zu den teils sperrigen Begriffen und Themen der buddhistischen Lehre erleichtern.

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