2. Formationen (Saṅkhāra)

👤 Von Ronald Mayrhofer  |  ⏱️ Ca. 21 Min. Lesezeit

Ein Leitfaden zu Saṅkhāra (Gestaltungen) im Pāli-Kanon

Die vielschichtigen Bedeutungen von Saṅkhāra als bedingte Phänomene und karmische Formationen

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1. Einleitung: Saṅkhāra – Ein vielschichtiger Schlüsselbegriff

Der Pāli-Begriff Saṅkhāra (Sanskrit: Saṃskāra) stellt ein fundamentales Konzept im frühen Buddhismus dar. Sein Verständnis ist unerlässlich, um zentrale Lehren wie die Natur des Leidens (Dukkha), die Vergänglichkeit (Anicca), das Nicht-Selbst (Anattā), das Bedingte Entstehen (Paṭiccasamuppāda) und die Fünf Aggregate (Pañca Khandhā), aus denen sich die erfahrbare Welt zusammensetzt, tiefgreifend zu erfassen.

Die Vielschichtigkeit von Saṅkhāra macht eine einfache Übersetzung ins Deutsche oder Englische schwierig, wenn nicht unmöglich. Je nach Kontext kann der Begriff unterschiedliche Bedeutungsnuancen annehmen. Gängige Übersetzungen wie „Formationen“, „Gestaltungen“, „Willensformationen“, „Konstruktionen“, „Bedingtes“ oder „Dispositionen“ fangen jeweils nur Teilaspekte ein. Eine moderne Lesart sieht in dieser sprachlichen Herausforderung auch Ausdruck einer zentralen buddhistischen Einsicht: der tiefgreifenden Verbundenheit aller Phänomene.

Die Unterscheidung zwischen dem „Erschaffenden“ (der aktive Aspekt von Saṅkhāra) und dem „Erschaffenen“ (der passive Aspekt) ist keine absolute Trennung, sondern beschreibt zwei Seiten desselben bedingten Prozesses. Der Begriff selbst verkörpert somit sowohl den Vorgang des Gestaltens als auch das gestaltete Ergebnis.

Dieser Überblick beleuchtet die verschiedenen Bedeutungen von Saṅkhāra, erläutert ihre Funktion innerhalb wichtiger Lehrgebäude des Pāli-Kanons und benennt konkrete Textstellen aus den Sammlungen Dīgha Nikāya (DN), Majjhima Nikāya (MN), Saṃyutta Nikāya (SN) und Aṅguttara Nikāya (AN). Diese Verweise sollen interessierten Lesern ermöglichen, die Bedeutung des Begriffs durch das Studium der Originalquellen, vorzugsweise über die Online-Ressource SuttaCentral.net, weiter zu vertiefen.

2. Was bedeutet Saṅkhāra? Definitionen und Kontexte

Etymologie und Kernbedeutung

Das Wort Saṅkhāra leitet sich etymologisch von der Vorsilbe saṃ („zusammen“, „mit“) und dem Verb karoti („machen“, „tun“) ab. Die wörtliche Bedeutung ist somit „Zusammen-Machen“, „Formen“, „Gestalten“ oder „Zubereiten“. Diese Grundbedeutung findet sich auch in praktischen Kontexten im Sinne von „zubereiten“. Die Kernbedeutung umfasst sowohl den aktiven Prozess des Formens und Konstruierens als auch den passiven Zustand des Geformt- und Konstruiert-Seins.

Passive Bedeutung: Saṅkhāra als bedingte Phänomene (Saṅkhata)

In seiner weitesten Bedeutung bezieht sich Saṅkhāra auf alles, was durch Ursachen und Bedingungen entstanden ist – auf alle bedingten (Saṅkhata) Phänomene. Dies schließt sämtliche physischen und psychischen Erscheinungen des Universums ein, mit der einzigen Ausnahme des Unbedingten (Asaṅkhata), nämlich Nibbāna. In diesem Sinne sind nicht nur mentale Zustände, sondern auch der eigene Körper, andere Lebewesen und, nach gängiger Auslegung, sogar unbelebte Objekte wie Bäume oder Wolken Saṅkhāras – Gestaltungen, die aus dem Zusammenspiel von Bedingungen hervorgegangen sind.

Diese allumfassende Bedeutung ist zentral für das Verständnis der Drei Daseinsmerkmale (Tilakkhaṇa):

  • sabbe Saṅkhārā aniccā: „Alle Gestaltungen sind vergänglich.“ Da sie bedingt entstanden sind, unterliegen sie unweigerlich dem Wandel, dem Entstehen und Vergehen.
  • sabbe Saṅkhārā dukkhā: „Alle Gestaltungen sind leidhaft.“ Gerade weil sie vergänglich und unbeständig sind, führen Anhaftung an sie oder Identifikation mit ihnen zwangsläufig zu Leid oder Unzufriedenheit (Dukkha).
  • sabbe Dhammā anattā: „Alle Phänomene (Dinge) sind Nicht-Selbst.“ Hier ist der Begriff Dhammā nach der Theravāda-Auslegung umfassender als Saṅkhārā, da er auch das Unbedingte (Nibbāna) einschließt. In dieser Lesart betont die Aussage, dass nichts – weder Bedingtes noch Unbedingtes – einen eigenen, unabhängigen, dauerhaften Kern oder „Selbst“ besitzt.

In diesem weiten Sinn werden auch die Fünf Aggregate (Pañca Khandhā), die die Gesamtheit der psycho-physischen Erfahrung ausmachen, als Saṅkhāras bezeichnet. Die Erkenntnis, dass alles Erfahrene (außer Nibbāna) der Natur von Saṅkhāra unterliegt – bedingt, vergänglich und letztlich unbefriedigend –, ist fundamental. Sie dient dazu, die Tendenz zu durchbrechen, Phänomene wie feste Dinge zu behandeln (Verdinglichung) und sich mit einem vermeintlich festen „Ich“ zu identifizieren. Indem die Lehre die konstruierte und unzuverlässige Natur aller Dinge aufzeigt, an die man sich klammern könnte, untergräbt sie die Grundlage für Anhaftung und fördert das Entstehen von Ernüchterung (Nibbidā).

Aktive Bedeutung: Saṅkhāra als (Willens-)Formationen (Kamma)

Neben der passiven Bedeutung des „Geformt-Seins“ hat Saṅkhāra auch eine aktive Bedeutung: die Kräfte, die formen, gestalten oder konstruieren. In diesem Kontext bezieht sich Saṅkhāra insbesondere auf Handlungen, die vom Willen (Cetanā) getragen und von geistigen Zuständen angetrieben werden.

Diese aktive Bedeutung ist untrennbar mit dem Konzept von Kamma (Handlung und deren Folgen) verbunden. Saṅkhāra ist hier praktisch synonym mit Kamma. Es sind diese willentlichen Gestaltungen, die karmische Wirkungen erzeugen und den Kreislauf der Wiedergeburten (Saṃsāra) antreiben.

Die Lehrreden unterscheiden diese karmisch wirksamen Saṅkhāras oft nach drei Aspekten:

  • Nach dem Ausdruckskanal:
    • Kāya-Saṅkhāra: Körperliche (Willens-)Formationen, d. h. willentliche körperliche Handlungen.
    • Vacī-Saṅkhāra: Sprachliche (Willens-)Formationen, d. h. willentliche Rede.
    • Citta-Saṅkhāra oder Mano-Saṅkhāra: Geistige (Willens-)Formationen, d. h. willentliche Gedanken, Absichten, Begierden etc.
  • Nach der ethischen Qualität (als Abhisaṅkhāra): Diese besonders starken, wiedergeburtsrelevanten Formationen werden unterteilt in:
    • Puññābhisaṅkhāra: Verdienstvolle Formationen (ethisch heilsame Handlungen, die zu günstigen Wiedergeburten führen; nach späterer Auslegung im Bereich der Sinnenwelt oder der feinkörperlichen Welt).
    • Apuññābhisaṅkhāra: Nicht-verdienstvolle (nachteilige) Formationen (ethisch unheilsame Handlungen, die zu ungünstigen Wiedergeburten, z. B. in den Leidensbereichen, führen).
    • Āneñjābhisaṅkhāra: Unerschütterliche Formationen (spezielle meditative Errungenschaften, die nach späterer Auslegung zur Wiedergeburt in den formlosen Bereichen führen).

Es zeigt sich ein Spektrum der Willensaktivität: von dem grundlegenden Willen (Cetanā), der vielen mentalen Faktoren innewohnt, über die karmisch relevanten Saṅkhāras (körperlich, sprachlich, geistig), bis hin zu den besonders starken Abhisaṅkhāras, die maßgeblich die zukünftige Existenz prägen. Nicht jede „Gestaltung“ hat also die gleiche karmische Tragweite.

Spezifische kontextuelle Bedeutungen

Darüber hinaus kann Saṅkhāra in spezifischen Kontexten noch weitere Bedeutungen annehmen:

  • Āyusaṅkhāra: Die Lebenskraft oder das Lebensprinzip, das die physische Existenz aufrechterhält.
  • Funktionale Definitionen in MN 44: Wie in Abschnitt 4.2 erläutert, werden Kāya-, Vacī- und Citta-Saṅkhāra im Cūḷavedalla Sutta (MN 44) anders definiert (Atem, Denken/Überlegen, Gefühl/Wahrnehmung) als im Kontext von Kamma und Paṭiccasamuppāda.
  • Willensanstrengung (Padhāna): Manchmal bezeichnet Saṅkhāra auch bewusste Anstrengung oder Bemühung, etwa im Kontext der „Grundlagen der spirituellen Kraft“ (Iddhipāda) oder bestimmter Bewusstseinszustände im Abhidhamma (Sasaṅkhārika-Citta: mit Anstrengung/Veranlassung entstehendes Bewusstsein).

Überblick über die Hauptbedeutungen

Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Bedeutungsfelder von Saṅkhāra zusammen:

Kontext Bedeutung von Saṅkhāra Typische Übersetzung(en) Schlüsselkonzept(e)
Allgemein / Passiv Alle bedingten, zusammengesetzten, entstandenen Phänomene (physisch und mental), alles außer Nibbāna. Gestaltungen, Formationen, Bedingtes, Konstruktionen, Phänomene Anicca (Vergänglichkeit), Dukkha (Leidhaftigkeit), Anattā (Nicht-Selbst), Saṅkhata (Bedingtes), Asaṅkhata (Unbedingtes = Nibbāna)
Aktiv / Paṭiccasamuppāda (2. Glied) Karmisch wirksame Willenshandlungen (Cetanā) von Körper, Rede und Geist; getrieben von Unwissenheit (Avijjā). Kann heilsam, unheilsam oder unerschütterlich sein (Abhisaṅkhāra). Willensformationen, karmische Formationen, Gestaltungen Kamma (Karma), Cetanā (Wille), Avijjā (Unwissenheit), Paṭiccasamuppāda (Bedingtes Entstehen), Saṃsāra (Kreislauf der Wiedergeburten)
Aktiv / Pañca Khandhā (4. Aggregat) Gruppe von Geistesfaktoren (Cetasika), die Willensaspekte beinhalten; zentral ist Cetanā (Wille/Wollen) bezüglich der 6 Sinnesobjekte. Umfasst auch Dispositionen, Gewohnheiten etc. Geistesformationen, Willensformationen, Mentale Formationen Pañca Khandhā (Fünf Aggregate), Cetanā (Wille), Kamma, Cetasika (Geistesfaktoren), Upādānakkhandha (Aggregate des Anhaftens)
Spezifisch (z. B. MN 44) Funktionale Aspekte, die in Meditation relevant sind: Kāya-S. (Atem), Vacī-S. (Denken/Prüfen), Citta-S. (Gefühl/Wahrnehmung). Körperfunktion/-formation, Sprachfunktion/-formation, Geistesfunktion/-formation Meditation (Jhāna, Nirodhasamāpatti), Ānāpānasati (Achtsamkeit auf den Atem), Vitakka/Vicāra (Gedankenfassen/Prüfen), Vedanā/Saññā (Gefühl/Wahrnehmung)
Spezifisch (z. B. DN 16) Lebenskraft, Vitalprinzip. Lebensformation, Lebenskraft Leben, Tod, Vergänglichkeit
Spezifisch (z. B. Iddhipāda, Abhidhamma) Willensanstrengung, Bemühung, Veranlassung. Willensanstrengung, Bemühung Iddhipāda (Grundlagen der spirituellen Kraft), Samādhi (Konzentration), Bewusstseinsanalyse (Abhidhamma)

3. Saṅkhāra in zentralen Lehrkonzepten

Saṅkhāra spielt eine Schlüsselrolle in zwei fundamentalen Lehrgebäuden des Buddhismus: den Fünf Aggregaten (Pañca Khandhā) und dem Bedingten Entstehen (Paṭiccasamuppāda).

3.1 Saṅkhāra als Teil der Fünf Aggregate (Pañca Khandhā)

Die Lehre von den Fünf Aggregaten analysiert die gesamte psycho-physische Erfahrung eines Lebewesens in fünf Gruppen oder „Haufen“ (Khandha). Diese sind:

  1. Form (Rūpa-kkhandha): Materie, der physische Körper und die Sinnesorgane.
  2. Gefühl (Vedanā-kkhandha): Angenehme, unangenehme und neutrale Empfindungen, die aus Sinneskontakt entstehen.
  3. Wahrnehmung (Saññā-kkhandha): Das Erkennen, Identifizieren und Benennen von Objekten.
  4. Geistesformationen (Saṅkhāra-kkhandha): Die Gruppe, die Saṅkhāra im spezifischen Sinn umfasst.
  5. Bewusstsein (Viññāṇa-kkhandha): Das grundlegende Gewahrsein oder Erkennen durch die sechs Sinne (fünf äußere Sinne plus Geist).

Diese Aggregate sind die Bausteine der Erfahrungswelt. Im Zustand der Unwissenheit (Avijjā) neigt man dazu, sich mit ihnen zu identifizieren und sie als ein beständiges „Ich“ oder „Selbst“ anzusehen. Daher werden sie auch als „Aggregate des Anhaftens“ (Upādānakkhandha) bezeichnet, da sie die Objekte des Klammerns sind.

Das vierte Aggregat, Saṅkhāra-kkhandha, ist eine komplexe Gruppe, die nach dem Abhidhamma eine Vielzahl von Geistesfaktoren (Cetasika) umfasst. In den Suttas wird es oft durch seinen Kernaspekt definiert: die sechs Klassen von Willensregungen (cha Cetanākāyā) in Bezug auf die sechs Arten von Sinnesobjekten (Formen, Töne, Gerüche, Geschmäcke, Berührungen, Geistobjekte). In moderner Lesart gehören dazu auch Absichten, Neigungen, mentale Gewohnheiten, Vorurteile, Reaktionsmuster und willentliche Impulse, die Denken, Sprechen und Handeln prägen. Es ist der willentliche Aspekt (Cetanā) innerhalb des Saṅkhāra-kkhandha, der als Motor für Kamma fungiert. Bewusst oder unbewusst geformte Reaktionen und Absichten, die unter dieses Aggregat fallen, erzeugen karmische Spuren und zukünftige Resultate.

Der spätere Abhidhamma erweitert die Liste der Faktoren im Saṅkhāra-kkhandha auf etwa 50, schließt aber Gefühl (Vedanā) und Wahrnehmung (Saññā) explizit aus, da diese eigene Aggregate bilden.

3.2 Saṅkhāra im Bedingten Entstehen (Paṭiccasamuppāda)

Das Bedingte Entstehen (Paṭiccasamuppāda) beschreibt den dynamischen Prozess, durch den Leiden (Dukkha) in Abhängigkeit von bestimmten Bedingungen entsteht und wie es durch das Aufheben dieser Bedingungen beendet werden kann. Die Standardformel umfasst zwölf Glieder:

  1. Unwissenheit (Avijjā) bedingt
  2. Formationen/Gestaltungen (Saṅkhārā) bedingen
  3. Bewusstsein (Viññāṇa) bedingt
  4. Geist-und-Körper (Nāma-Rūpa) bedingt
  5. Sechs Sinnesgrundlagen (Saḷāyatana) bedingen
  6. Kontakt (Phassa) bedingt
  7. Gefühl (Vedanā) bedingt
  8. Begehren/Durst (Taṇhā) bedingt
  9. Anhaften/Ergreifen (Upādāna) bedingt
  10. Werden (Bhava) bedingt
  11. Geburt (Jāti) bedingt
  12. Altern und Tod (Jarā-Maraṇa), Kummer, Jammer, Schmerz, Gram und Verzweiflung.

In dieser Kette bezieht sich Saṅkhāra als zweites Glied spezifisch auf die karmisch aktiven Willensformationen (körperlich, sprachlich, geistig), die durch Unwissenheit (Avijjā) angetrieben werden. Der entscheidende Zusammenhang lautet: Avijjā-paccayā saṅkhārā – „Bedingt durch Unwissenheit entstehen Formationen“. Die Unkenntnis über die wahre Natur der Wirklichkeit (Vergänglichkeit, Leidhaftigkeit, Nicht-Selbst) und die Vier Edlen Wahrheiten ist der Nährboden für diese willentlichen Handlungen, die die Wesen im Kreislauf der Wiedergeburten gefangen halten.

Diese Formationen wiederum bedingen das nächste Glied: Saṅkhāra-paccayā viññāṇaṃ – „Bedingt durch Formationen entsteht Bewusstsein“. Die karmische Prägung durch vergangene Willenshandlungen (Saṅkhāras) beeinflusst die Art und Weise, wie das Bewusstsein im nächsten Moment oder bei einer Wiedergeburt entsteht und welche Erfahrungen es macht.

Die Analyse der Aggregate (Khandhas) und des Bedingten Entstehens (Paṭiccasamuppāda) sind nicht voneinander getrennt. Saṅkhāra bildet eine entscheidende Brücke zwischen der Beschreibung dessen, was fälschlicherweise als „Selbst“ wahrgenommen wird (die Aggregate), und dem Prozess, wie dieses „Selbst“ und sein Leiden immer wieder neu entstehen (Paṭiccasamuppāda). Die willentlichen Impulse (Cetanā), die als Kern des Saṅkhāra-kkhandha (4. Aggregat) identifiziert werden, entsprechen im Kern den Saṅkhāras, die als 2. Glied im Bedingten Entstehen fungieren, angetrieben durch Unwissenheit (Avijjā). Das vierte Aggregat ist also keine statische Komponente der Persönlichkeit, sondern der dynamische Motor innerhalb der Aggregate, der den gesamten leidvollen Kreislauf in Gang hält.

Damit trägt Saṅkhāra auf zweifache Weise zum Leiden bei:

  • Aktiv: Als willentliche Formationen (Kamma), die durch ihre karmischen Folgen den Kreislauf von Wiedergeburt und leidvollen Erfahrungen fortsetzen.
  • Passiv: Als die bedingte, konstruierte Natur aller Phänomene (einschließlich der Aggregate selbst), die von Natur aus vergänglich und daher unbefriedigend sind, wenn man an ihnen festhält.

Das Erkennen beider Aspekte ist für die Befreiung wesentlich.

4. Ausgewählte Lehrreden (Suttas) zu Saṅkhāra

Obwohl der Begriff Saṅkhāra in unzähligen Lehrreden des Pāli-Kanons vorkommt, gibt es einige Suttas, die ihn besonders klar definieren oder spezifische Aspekte seiner Bedeutung beleuchten. Die folgenden Beispiele beziehen sich auf die Sammlungen Dīgha Nikāya (DN), Majjhima Nikāya (MN), Saṃyutta Nikāya (SN) und Aṅguttara Nikāya (AN). Die angegebenen Referenzen folgen der Nummerierung und den Titeln auf SuttaCentral.net. Hinweis: Erklärende Texte zu Lehrreden finden sich im Lehrreden-Verzeichnis.

4.1 Aus der Längeren Sammlung (Dīgha Nikāya – DN)

Sutta-Nummer Pāli-Name Gebräuchlicher Deutscher Name Hauptquelle / Referenz
DN 33 Saṅgīti Sutta Das Rezitieren suttacentral.net/dn33
DN 16 Mahāparinibbāna Sutta Die Große Lehrrede vom Erlöschen suttacentral.net/dn16

DN 33: Saṅgīti Sutta (Das Rezitieren)

Dieses Sutta, das Lehraussagen systematisch nach Zahlen gruppiert, führt im Abschnitt der Dreiergruppen die drei Arten von Abhisaṅkhāra auf (verdienstvolle, nicht-verdienstvolle, unerschütterliche Formationen). Nach späterer Auslegung gelten sie als karmische Gestaltungen, die für die Wiedergeburt in den entsprechenden Daseinsbereichen (Sinnenwelt, feinkörperliche Welt, formlose Welt) relevant sind.

DN 33 – Zusammenfassung und Erklärung der Lehrrede im Lehrreden-Verzeichnis.

DN 16: Mahāparinibbāna Sutta (Die Große Lehrrede vom Erlöschen)

In dieser berühmten Lehrrede über die letzten Monate und das Verlöschen des Buddha wird der Begriff Āyusaṅkhāra verwendet. Der Buddha gibt hier willentlich die „Lebensgestaltung“ oder „Lebenskraft“ auf, die seinen physischen Körper erhält. Diese spezifische Verwendung unterscheidet sich von den mentalen oder karmischen Formationen und bezieht sich auf die vitalen Kräfte.

DN 16 – Zusammenfassung und Erklärung der Lehrrede im Lehrreden-Verzeichnis.

4.2 Aus der Mittleren Sammlung (Majjhima Nikāya – MN)

Sutta-Nummer Pāli-Name Gebräuchlicher Deutscher Name Hauptquelle / Referenz
MN 44 Cūḷavedalla Sutta Kleine Vedalla-Lehrrede suttacentral.net/mn44
MN 120 Saṅkhārupapatti Sutta Lehrrede über die Wiedergeburt durch Gestaltungen suttacentral.net/mn120

MN 44: Cūḷavedalla Sutta (Kleine Vedalla-Lehrrede)

Dieses Sutta ist von zentraler Bedeutung, da es spezifische, funktionale Definitionen der drei Saṅkhāras liefert, die sich deutlich von der Verwendung im Kontext von Kamma und Paṭiccasamuppāda unterscheiden. Die Nonne Dhammadinnā erklärt dem Laien Visākha:

  • Kāya-Saṅkhāra (Körperformation/-funktion) ist das Ein- und Ausatmen (Assāsa-Passāsā).
  • Vacī-Saṅkhāra (Sprachformation/-funktion) ist das Gedankenfassen (Vitakka) und Prüfen/Überlegen (Vicāra).
  • Citta-Saṅkhāra (Geistesformation/-funktion) sind Gefühl (Vedanā) und Wahrnehmung (Saññā).

Der Kontext dieser Definitionen ist die meditative Praxis: Diese Formationen sind Faktoren, die in bestimmten meditativen Zuständen zur Ruhe kommen oder aufhören. In MN 44 hören sie beim Eintritt in die „Erlöschung von Wahrnehmung und Gefühl“ (Nirodhasamāpatti) nacheinander auf: zuerst Vacī-Saṅkhāra (Denken und Prüfen), dann Kāya-Saṅkhāra (der Atem), zuletzt Citta-Saṅkhāra (Gefühl und Wahrnehmung). Nach anderen Lehrreden (z. B. SN 36.11 und AN 10.72) kommen Denken und Prüfen schon im zweiten Jhāna (Vertiefung) und der Atem im vierten Jhāna zur Ruhe. Dieselbe Definition der drei Saṅkhāras steht auch im Kāmabhū Sutta (SN 41.6).

MN 44 – Zusammenfassung und Erklärung der Lehrrede im Lehrreden-Verzeichnis.

MN 120: Saṅkhārupapatti Sutta (Lehrrede über die Wiedergeburt durch Gestaltungen)

Dieses Sutta illustriert die aktive, wiedergeburtslenkende Kraft von Saṅkhāra im Sinne bewusster Absicht oder Aspiration. Es beschreibt, wie ein Praktizierender, der bestimmte Tugenden (Vertrauen, Ethik, Gelehrsamkeit, Großzügigkeit, Weisheit) besitzt, durch gezielte Ausrichtung des Geistes (im Kommentar als Saṅkhāra im Sinne von Aspiration gedeutet) seine Wiedergeburt in einem gewünschten Bereich (z. B. unter wohlhabenden Brahmanen oder Göttern) lenken kann.

MN 120 – Zusammenfassung und Erklärung der Lehrrede im Lehrreden-Verzeichnis.

  • (Optional: MN 10, Satipaṭṭhāna Sutta, erwähnt ebenfalls den Atem als Kāya-Saṅkhāra im Rahmen der Achtsamkeitsmeditation, was die Definition in MN 44 stützt).

4.3 Aus der Gruppierten Sammlung (Saṃyutta Nikāya – SN)

Obwohl es im Saṃyutta Nikāya kein eigenes Kapitel (Saṃyutta) gibt, das ausschließlich Saṅkhāra gewidmet ist, wird der Begriff in mehreren wichtigen Kapiteln ausführlich behandelt.

Saṃyutta-Nummer Pāli-Name Gebräuchlicher Deutscher Name Hauptquelle / Referenz
SN 12 Nidāna Saṃyutta Kapitel über Bedingtheit SN 12 – Zusammenfassung
SN 22 Khandha Saṃyutta Kapitel über die Aggregate SN 22 – Zusammenfassung

SN 12: Nidāna Saṃyutta (Kapitel über Bedingtheit)

Dies ist die primäre Quelle für das Verständnis von Saṅkhāra als zweitem Glied des Bedingten Entstehens (Paṭiccasamuppāda).

Sutta-Nummer Pāli-Name Gebräuchlicher Deutscher Name Hauptquelle / Referenz
SN 12.2 Vibhaṅga Sutta Analyse suttacentral.net/sn12.2
SN 12.51 Parivīmaṃsana Sutta Gründliche Untersuchung suttacentral.net/sn12.51
  • SN 12.2: Vibhaṅga Sutta (Analyse): Bietet die Standarddefinition von Saṅkhāra in diesem Kontext: die drei Arten von willentlichen Handlungen (körperlich, sprachlich, geistig), die aus Unwissenheit entstehen.
  • SN 12.51: Parivīmaṃsana Sutta (Gründliche Untersuchung): Definiert Saṅkhāra (hier als Abhisaṅkhāra) alternativ über die drei ethischen Qualitäten: verdienstvoll, nicht-verdienstvoll und unerschütterlich.

SN 12 – Zusammenfassung und Erklärung des Kapitels im Lehrreden-Verzeichnis.

SN 22: Khandha Saṃyutta (Kapitel über die Aggregate)

Dieses Kapitel ist die Hauptquelle für das Verständnis des vierten Aggregats, Saṅkhāra-kkhandha.

Sutta-Nummer Pāli-Name Gebräuchlicher Deutscher Name Hauptquelle / Referenz
SN 22.56 Upādānaparipavatta Sutta Runden der mit Ergreifen verbundenen Aggregate suttacentral.net/sn22.56
SN 22.79 Khajjanīya Sutta Lehrrede über das Verzehren suttacentral.net/sn22.79
SN 22.90 Channa Sutta Lehrrede an Channa suttacentral.net/sn22.90
  • SN 22.56: (Upādānaparipavatta Sutta) Runden der mit Ergreifen verbundenen Aggregate: Definiert Saṅkhāra-kkhandha als die sechs Klassen von Willensregungen (cha Cetanākāyā) in Bezug auf die sechs Sinnesobjekte.
  • SN 22.79: Khajjanīya Sutta (Lehrrede über das Verzehren): Enthält eine auf den ersten Blick zirkulär erscheinende Definition: Die Geistesformationen (Saṅkhārā) als Aggregat werden so genannt, weil sie „das Bedingte gestalten/konstruieren“ (saṅkhatamabhisaṅkharonti), und zwar bedingte Form als Form, bedingtes Gefühl als Gefühl,…, bedingte Geistesformationen als Geistesformationen, usw. Dies betont weniger den Inhalt als vielmehr die Funktion des Aggregats: seine aktive Rolle im fortwährenden Prozess des Konstruierens und Konditionierens der gesamten Erfahrungswelt.
  • SN 22.90: Channa Sutta (Lehrrede an Channa): Verwendet Saṅkhāra im selben Kontext doppelt: einmal für das Aggregat der Geistesformationen und einmal im allgemeinsten Sinn für „alle Gestaltungen“ in der Aussage sabbe Saṅkhārā aniccā („Alle Gestaltungen sind vergänglich“).

SN 22 – Zusammenfassung und Erklärung des Kapitels im Lehrreden-Verzeichnis.

4.4 Aus der Angereihten Sammlung (Aṅguttara Nikāya – AN)

Sutta-Nummer Pāli-Name Gebräuchlicher Deutscher Name Hauptquelle / Referenz
AN 3.136 Uppādā Sutta Lehrrede über das Entstehen suttacentral.net/an3.136

AN 3.136: Uppādā Sutta (Lehrrede über das Entstehen)

Dieses prägnante Sutta ist berühmt für die Formulierung der universellen Wahrheiten über die Natur der bedingten Existenz. Es stellt fest, dass unabhängig davon, ob ein Buddha in der Welt erscheint oder nicht, bestimmte Naturgesetze bestehen bleiben:

  • sabbe Saṅkhārā aniccā – Alle Gestaltungen sind vergänglich.
  • sabbe Saṅkhārā dukkhā – Alle Gestaltungen sind leidhaft.
  • sabbe Dhammā anattā – Alle Phänomene sind Nicht-Selbst.

Das Sutta betont, dass ein Buddha diese Wahrheiten erkennt und sie lehrt, um anderen den Weg zur Befreiung zu weisen.

5. Zusammenfassung und Implikationen für die Praxis

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Saṅkhāra ein Begriff mit einem breiten Bedeutungsspektrum ist. Er bezeichnet einerseits passiv das gesamte Gewebe der bedingten Existenz, alles Geformte und Entstandene, das durch Vergänglichkeit und Leidhaftigkeit gekennzeichnet ist. Andererseits bezeichnet er aktiv die willentlichen Kräfte und Gestaltungen, insbesondere Kamma, die diese Existenz formen und den leidvollen Kreislauf der Wiedergeburten (Saṃsāra) antreiben, genährt durch Unwissenheit (Avijjā).

Das Verständnis von Saṅkhāra ist für die buddhistische Praxis von entscheidender Bedeutung:

  • Einsicht in die Natur der Wirklichkeit: Das Erkennen aller Erfahrungen, des eigenen Körpers und Geistes sowie der äußeren Welt als bedingte, vergängliche und leidhafte Gestaltungen (Saṅkhārā) ist der Kern der Einsicht (Vipassanā). Diese Erkenntnis führt zur Kultivierung von Entsagung (Nekkhamma), Ernüchterung (Nibbidā) und letztlich zur Einsicht in Anicca, Dukkha und Anattā.
  • Ethisches Handeln und Geistesreinigung: Das Verständnis der Rolle von willentlichen Formationen (Saṅkhārā) als Kamma im Bedingten Entstehen motiviert zu ethischem Verhalten (Sīla). Durch Achtsamkeit (Sati) können unheilsame Absichten erkannt und heilsame Absichten kultiviert werden, um die Ursachen zukünftigen Leidens zu vermeiden.
  • Meditative Praxis: In der Meditation (Samādhi und Paññā) ist die Achtsamkeit auf das Entstehen und Vergehen subtiler Geistesformationen (Saṅkhāra-kkhandha) zentral. Dies kann es ermöglichen, automatische Reaktionsmuster zu durchschauen, unheilsame Tendenzen nicht aufkommen zu lassen und den Geist zu beruhigen und zu klären.
  • Das Ziel der Befreiung: Das letztendliche Ziel des buddhistischen Pfades, Nibbāna, wird als das „Zur-Ruhe-Kommen aller Gestaltungen“ (Sabbasaṅkhārasamatha) oder als das Unbedingte (Asaṅkhata) beschrieben – der Zustand jenseits aller bedingten Formationen.

Saṅkhāra ist somit nicht nur ein theoretisches Konzept, sondern bezeichnet den zentralen Angelpunkt der buddhistischen Praxis. Es ist zugleich das Problem (die bedingte, leidhafte Natur der Existenz und der karmische Antrieb) und der Ort, an dem die Lösung ansetzt. Indem Praktizierende durch Ethik, Konzentration und Weisheit bewusst mit ihren Willensformationen (aktives Saṅkhāra) arbeiten, können sie ihren Umgang mit der bedingten Wirklichkeit (passives Saṅkhāra) verändern und diese schließlich hinter sich lassen. Es geht nicht darum, etwas Äußeres zu eliminieren, sondern den Prozess des Gestaltens im eigenen Geiststrom zu verstehen und zu verändern.

Es ist zu hoffen, dass dieser Überblick und die bereitgestellten Sutta-Referenzen Leser dazu ermutigen, die Lehren des Buddha über Saṅkhāra direkt in den Quellen auf SuttaCentral.net zu erforschen und die Bedeutung dieses tiefgründigen Begriffs in ihrer eigenen Erfahrung zu reflektieren.

Vertiefende Beiträge: Wie das komplexe Prinzip von Ursache und Wirkung in unserem Geist abläuft, veranschaulicht der Blog-Beitrag Der Master-Algorithmus. Welche mentalen und physischen Faktoren den Kreislauf am Laufen halten, erfährst du in Die vier Arten der Nahrung (SN 12.63). Wie sich dieses traditionelle Konzept in die heutige Zeit übersetzen lässt, diskutiert Blick auf Bed. Entstehen (Paṭiccasamuppāda).

6. Referenzen & weiterführende Webseiten/Dokumente

Quellen, Wörterbücher & Nachschlagewerke Essays & Vertiefung E-Books, Bibliotheken & Audio
  • Edition Suttanta: Online-Bibliothek – Freie E-Books, darunter die „Majjhima-Mātikā“: eine systematische Auflistung aller Lehrpunkte der Mittleren Sammlung mit den Pāli-Begriffen.
  • Dhamma Dana: Buchprojekt der BGM – Kostenlose Literatur, nach Themen wie Nicht-Ich, Bedingte Entstehung, Kamma oder Nibbāna geordnet, ideal zur Vertiefung einzelner Konzepte.
  • Schatztruhe Palikanon: Der YouTube-Kanal – Zusammenfassungen (als Podcast), die den Zugang zu den teils sperrigen Begriffen und Themen der buddhistischen Lehre erleichtern.

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3. Bewusstsein (Viññāṇa)
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Viññāṇa (Bewusstsein – 3. Glied)
Aus den Saṅkhārā entsteht Viññāṇa, das Bewusstsein. Die Lehrreden bestimmen es als Bewusstsein an den sechs Sinnestoren; nach der Kommentartradition ist hier vor allem das Wiedergeburtsbewusstsein gemeint, das eine neue Existenz einleitet. Lerne hier die entscheidende Rolle des Bewusstseins als Bindeglied zwischen vergangenen Handlungen und der gegenwärtigen psycho-physischen Existenz kennen und warum es nicht als feste „Seele“ missverstanden werden darf.