👤 Von Ronald Mayrhofer | ⏱️ Ca. 19 Min. Lesezeit
Upekkhā (Gleichmut): Ein Schlüsselbegriff im Pāli-Kanon und seine Bedeutung im frühen Buddhismus
Die Kultivierung von Ausgeglichenheit, Unparteilichkeit und Weisheit
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Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Die Bedeutung von Gleichmut im Buddhismus
Das Verständnis zentraler Begriffe aus der Sprache des Buddha, dem Pāli, ist essenziell, um die Tiefe seiner Lehre (Dhamma) zu erschließen. Einer dieser Schlüsselbegriffe ist Upekkhā, oft mit „Gleichmut“ übersetzt. Diese Geisteshaltung ist weit mehr als nur emotionale Ruhe; sie ist eine tragende Säule auf dem buddhistischen Weg zur Befreiung (Nibbāna). Sie repräsentiert eine Form geistiger Reife und Weisheit, die es ermöglicht, den Herausforderungen des Lebens mit Klarheit und innerer Stärke zu begegnen.
Dieser Beitrag wird Upekkhā definieren, seine verschiedenen Facetten beleuchten, es in wichtige Lehrkonzepte einordnen und konkrete Lehrreden aus den Hauptsammlungen des Pāli-Kanons vorstellen, die diesen Begriff vertiefen. Besonderes Augenmerk liegt auf Texten aus dem Dīgha Nikāya (DN), der Sammlung der langen Lehrreden, und dem Majjhima Nikāya (MN), der Sammlung der mittleren Lehrreden. Ergänzend werden Hinweise auf relevante Kapitel (Saṃyuttas) im Saṃyutta Nikāya (SN), der Sammlung der gruppierten Lehrreden, sowie auf besonders bekannte Lehrreden aus dem Aṅguttara Nikāya (AN), der Sammlung der angereihten Lehrreden, gegeben.
Ziel ist es, sowohl Lesern mit Vorkenntnissen spezifische Textverweise für ein vertieftes Studium an die Hand zu geben, als auch Interessierten ohne Vorkenntnisse einen fundierten Zugang zu diesem wichtigen Konzept zu ermöglichen.
Upekkhā (Gleichmut): Definition und Erklärung
Kernbedeutung und Übersetzung
Der Pāli-Begriff lautet Upekkhā, wobei gelegentlich auch die Schreibweise Upekhā vorkommt. Gängige deutsche Übersetzungen umfassen Gleichmut, Ausgeglichenheit, Gelassenheit, Seelenruhe, Unparteilichkeit, Nicht-Reaktivität und mentale Balance.
Im Kern beschreibt Upekkhā die Fähigkeit, einen stabilen, ausgeglichenen Geist inmitten der unvermeidlichen Wechselfälle des Lebens zu bewahren. Diese werden im Buddhismus oft als die „acht weltlichen Winde“ oder „acht weltlichen Bedingungen“ (Aṭṭha Lokadhammā) bezeichnet: Gewinn (Lābha) und Verlust (Alābha), Ansehen (Yasa) und Missachtung oder Schande (Ayasa), Lob (Pasaṃsā) und Tadel (Nindā), sowie Freude oder Vergnügen (Sukha) und Schmerz oder Leid (Dukkha). Upekkhā ist die unerschütterliche Freiheit des Geistes angesichts dieser Polaritäten, ein Zustand inneren Gleichgewichts, der durch diese Schwankungen nicht gestört werden kann.
Etymologie und tiefere Bedeutung
Das Wort Upekkhā setzt sich etymologisch zusammen aus dem Präfix upa (nahe bei, auf etwas hin, betrachtend) und der Verbalwurzel √ikkh (sehen, betrachten). Wörtlich kann es daher als „darauf schauen“, „hinsehen“ oder „(nahes) Beobachten“ verstanden werden.
Diese Wortbedeutung deutet bereits darauf hin, dass Upekkhā weit mehr ist als eine passive Haltung. Es ist keine gefühllose Stumpfheit, sondern eine Form des bewussten, aufmerksamen und nicht-wertenden Beobachtens der eigenen Erfahrung. Es impliziert ein aktives geistiges Engagement, ein gleichmütiges Hinschauen auf das, was ist, ohne sich sofort in emotionale Reaktionen von Anziehung oder Abstoßung zu verstricken.
Diese Qualität ist eng verbunden mit Achtsamkeit (Sati) und klarem Verstehen (Sampajañña) und bildet eine wesentliche Grundlage für die Entwicklung von Weisheit (Paññā). In MN 118 (Ānāpānasati Sutta), das von der Atemachtsamkeit über die Achtsamkeitsgrundlagen zu den Erleuchtungsgliedern führt, heißt es bei der Betrachtung der Geistobjekte: Wer das Aufgeben von Begierde und Kummer mit Weisheit gesehen hat, wacht sorgfältig mit Gleichmut darüber. Dies unterstreicht den aktiven, erkenntnisorientierten Charakter von Upekkhā, der es zu einer Schlüsselkomponente der Einsichtsmeditation (Vipassanā) macht.
Abgrenzung von Missverständnissen: Nicht Gleichgültigkeit!
Es ist von entscheidender Bedeutung, Upekkhā klar von bloßer Gleichgültigkeit, Teilnahmslosigkeit oder Vernachlässigung abzugrenzen. Upekkhā bedeutet nicht, dass einem das Wohl anderer gleichgültig ist oder dass man keine Gefühle mehr empfindet. Wahrer Gleichmut ist vielmehr die Freiheit von ich-bezogenen Reaktionen – von Gier (Lobha oder Rāga), Hass (Dosa oder Paṭigha) und Verblendung (Moha).
Es ist eine aus Weisheit geborene Haltung, die die unbeständige und unbefriedigende Natur aller Phänomene erkennt und deshalb nicht von jeder Welle der Erfahrung mitgerissen wird.
Die wiederholte Betonung dieser Abgrenzung in der Kommentarliteratur weist auf eine signifikante Gefahr auf dem spirituellen Weg hin. Der Visuddhimagga nennt als „nahen Feind“ (Āsanna-Paccatthika) von Upekkhā den Gleichmut der Unwissenheit, der am Hausleben haftet – heute oft als Gleichgültigkeit beschrieben –; die „fernen Feinde“ (Dūra-Paccatthika) sind Gier und Widerwille. Nahe Feinde sind tückischer, da sie der eigentlichen Tugend oberflächlich ähneln und leicht mit ihr verwechselt werden können. Eine Person könnte emotional abgestumpft sein und fälschlicherweise glauben, sie praktiziere Gleichmut, während sie in Wirklichkeit nur apathisch ist. Dieser Zustand würde jedoch die Entwicklung von echter Einsicht und von Qualitäten wie Mitgefühl verhindern. Die korrekte Unterscheidung ist grundlegend für ein authentisches Verständnis und die richtige Kultivierung von Upekkhā.
Die „Feinde“ des Gleichmuts
Zusammenfassend lassen sich die Hindernisse für Gleichmut wie folgt kategorisieren:
- Die offensichtlichen Gegensätze („ferne Feinde“): Geisteszustände wie Gier (Lobha), Begierde (Rāga), Hass (Dosa), Widerwille (Paṭigha) und Ärger (Kodha). Diese sind klar unvereinbar mit einem ausgeglichenen Geist.
- Der subtile Gegner („naher Feind“): Gleichgültigkeit oder Apathie. Dieser Zustand mag oberflächlich wie Upekkhā wirken, entspringt aber oft Unwissenheit, emotionaler Abstumpfung oder Resignation und nicht der Weisheit und Stärke des echten Gleichmuts.
Upekkhā in wichtigen Lehrkonzepten
Upekkhā ist kein isolierter Begriff, sondern ein integraler Bestandteil verschiedener zentraler Lehrgebäude des frühen Buddhismus. Seine spezifische Bedeutung und Funktion kann je nach Kontext leicht variieren. Der berühmte Kommentator Buddhaghosa listet in seinem Werk Visuddhimagga (Der Weg zur Reinheit) sogar zehn verschiedene Arten von Upekkhā auf, was die Vielschichtigkeit dieses Konzepts unterstreicht. Für ein grundlegendes Verständnis konzentrieren sich die folgenden Abschnitte auf die wichtigsten Kontexte:
A. Upekkhā als vierte der Brahmavihārā (Göttliche Verweilzustände)
Die Brahmavihārā, wörtlich „Verweilzustände Brahmas“ (wobei Brahma hier für „erhaben“ oder „göttlich“ steht), sind vier Geisteshaltungen, die kultiviert und grenzenlos auf alle Wesen ausgedehnt werden sollen. Sie werden daher auch Appamaññā (die Unermesslichen) genannt. Diese vier sind:
- Mettā: Liebende Güte, Wohlwollen, Freundlichkeit.
- Karuṇā: Mitgefühl, Erbarmen.
- Muditā: Mitfreude, anteilnehmende Freude am Glück und Erfolg anderer.
- Upekkhā: Gleichmut, Unparteilichkeit, Ausgeglichenheit.
Im Kontext der Brahmavihārā bezeichnet Upekkhā die Fähigkeit, allen Wesen gegenüber unparteiisch zu sein, ohne Anhaftung (Rāga) oder Abneigung (Paṭigha). Nach dem Visuddhimagga beruht sie auf der Weisheit, dass alle Wesen „Eigner ihrer Taten“ (Kammassakā) und Erben ihrer Handlungen sind. Upekkhā tritt besonders dann in den Vordergrund, wenn aktives Eingreifen durch Mitgefühl oder Mitfreude nicht möglich oder angemessen ist, oder um die anderen drei Qualitäten auszubalancieren und vor Extremen zu schützen.
Upekkhā wird oft als der Höhepunkt oder die Vervollkommnung der Brahmavihāra-Praxis angesehen. Sie verhindert, dass Mettā zu besitzergreifender Anhaftung oder Kummer wird, Karuṇā zu lähmender Verzweiflung oder emotionaler Erschöpfung (Burnout), und Muditā zu oberflächlicher Sentimentalität oder Aufregung. Upekkhā ist hier also kein Ersatz für die anderen drei Herzensqualitäten, sondern eine notwendige Ergänzung, die Weisheit, Stabilität und Ausgewogenheit verleiht. Alle vier Brahmavihārā zusammen bilden ein vollständiges, gesundes emotionales Repertoire für den Umgang mit der Welt und anderen Lebewesen.
Upekkhā sorgt dafür, dass Liebe, Mitgefühl und Mitfreude nicht blind, parteiisch oder von egoistischen Motiven gefärbt sind, sondern auf einer Grundlage von Klarheit und Verständnis ruhen.
B. Upekkhā als siebtes der Bojjhaṅgā (Erleuchtungsglieder)
Die Bojjhaṅgā (wörtlich: Glieder des Erwachens) sind sieben geistige Qualitäten oder Faktoren, deren Entwicklung zur vollen Erleuchtung (Bodhi) führt. Sie sind ein wichtiger Teil der 37 „zur Erleuchtung gehörigen Dinge“ (Bodhipakkhiyā Dhammā). Die sieben Glieder sind:
- Sati: Achtsamkeit
- Dhammavicaya: Dhamma-Untersuchung, Erforschung der Daseinsphänomene (oder der Lehre)
- Viriya: Energie, Willenskraft, Anstrengung
- Pīti: Verzückung, freudiges Interesse
- Passaddhi: Ruhe, Gelassenheit (von Körper und Geist)
- Samādhi: Sammlung, Konzentration
- Upekkhā: Gleichmut
Als letztes Glied in dieser fortschreitenden Entwicklung repräsentiert Upekkhā hier einen Zustand höchster geistiger Ausgeglichenheit, vollkommener Unparteilichkeit und Nicht-Reaktivität. Dieser Zustand geht aus tiefer Sammlung (Samādhi) und innerer Ruhe (Passaddhi) hervor. Die Position am Ende der Liste ist bedeutsam: Dieser tiefe Gleichmut steht nicht am Anfang des Weges, sondern ist das Ergebnis der intensiven Kultivierung der anderen sechs Faktoren.
Er ist charakterisiert durch eine Stabilität und Klarheit des Geistes, die nicht mehr durch äußere oder innere Ereignisse gestört wird. Gleichzeitig bildet dieser Zustand der ungestörten, klaren Beobachtung die ideale Basis für das Entstehen der tiefsten befreienden Einsicht (Vipassanā) in die wahre Natur der Wirklichkeit. In diesem Sinn ist Upekkhā als Erleuchtungsfaktor sowohl eine Kulmination der Entwicklung als auch eine notwendige Voraussetzung für den endgültigen Durchbruch zur Befreiung.
C. Upekkhā als neutrale Empfindung (Vedanā)
Im Kontext der Analyse der Erfahrung wird Vedanā (Empfindung, Gefühl) als eine der fünf Daseinsgruppen (Khandha) genannt. Empfindungen werden üblicherweise in drei Arten unterteilt:
- Sukha Vedanā: Angenehme, freudvolle Empfindung.
- Dukkha Vedanā: Unangenehme, schmerzhafte, leidvolle Empfindung.
- Adukkhamasukhā Vedanā: Weder-unangenehme-noch-angenehme Empfindung, d.h. neutrale Empfindung.
Das Wort Upekkhā wird manchmal auch verwendet, um diese neutrale Empfindung (Adukkhamasukhā Vedanā) zu bezeichnen. Sie wird als der „Nullpunkt zwischen Freude und Leid“ beschrieben.
Es ist jedoch wichtig, diese Empfindung, die zur Daseinsgruppe der Empfindungen (Vedanākkhandha) gehört, von Upekkhā als kultivierter Geisteshaltung oder Faktor zu unterscheiden. Upekkhā als Brahmavihāra oder Bojjhaṅga ist eine aktive geistige Qualität, die nach der Systematik des Abhidhamma zu den Geistesformationen (Saṅkhārakkhandha) zählt. Die neutrale Empfindung ist ein passives Erleben, das einfach auftritt, wenn ein Sinneskontakt weder als angenehm noch als unangenehm registriert wird.
Die kultivierte Geisteshaltung Upekkhā hingegen ist das Ergebnis von Übung und Weisheit. Man kann (und soll) Gleichmut (Upekkhā als Faktor) gegenüber allen drei Arten von Empfindungen – angenehmen, unangenehmen und neutralen – entwickeln. Das Ziel der buddhistischen Praxis ist nicht, nur noch neutrale Gefühle zu haben, sondern Gleichmut gegenüber allen auftretenden Gefühlen zu kultivieren, ohne von ihnen beherrscht zu werden.
Die Tatsache, dass dasselbe Pāli-Wort für diese beiden unterschiedlichen Phänomene verwendet wird, macht eine klare begriffliche Unterscheidung notwendig, um Missverständnisse zu vermeiden.
D. Upekkhā in der meditativen Vertiefung (Jhāna)
Upekkhā spielt eine zentrale Rolle in den höheren Stufen der meditativen Vertiefung, den sogenannten Jhānas (Vertiefungen).
Im dritten Jhāna (Tatiya Jhāna) erfährt der Meditierende tiefes Glück (Sukha), verweilt dabei aber bereits gleichmütig (Upekkhako) und achtsam. Der Gleichmut dient hier dazu, nicht an dem intensiven Glück anzuhaften.
Das vierte Jhāna (Catuttha Jhāna) wird explizit durch Upekkhā charakterisiert. Es entsteht durch das Überwinden von Glück (Sukha) und Leid (Dukkha) sowie früherer Freude (Somanassa) und Traurigkeit (Domanassa). Der Zustand wird beschrieben als adukkhamasukhaṃ upekkhāsatipārisuddhiṃ – „Weder-Leid-noch-Freude und Reinheit der Achtsamkeit durch Gleichmut“.
Der Gleichmut, der in diesen stabilen Zuständen der Sammlung erfahren wird (Jhānupekkhā), ist das Ergebnis beständiger Kultivierung (Samatha) und unterscheidet sich in seiner Beständigkeit und Reinheit erheblich von alltäglichem Gleichmut. Er ist nicht Ausdruck von Dumpfheit, sondern geht mit einem Höchstmaß an geistiger Klarheit und geschärfter Achtsamkeit einher. Dieser geklärte Zustand von Upekkhā bildet eine kraftvolle Grundlage für die Entwicklung durchdringender Einsicht (Vipassanā) in die wahre Natur der Phänomene.
E. Gleichmut des Hauslebens und Gleichmut der Entsagung
Eine weitere entscheidende Unterscheidung trifft die Lehrrede MN 137: die zwischen dem Gleichmut, der am Hausleben haftet, und dem Gleichmut, der auf Entsagung beruht:
- Gehasita Upekkhā: Dies ist der weltliche, „auf dem Haus basierende“ Gleichmut. Nach MN 137 entsteht er in einem unbelehrten Weltling, der die Gefahr nicht sieht, wenn er mit dem Auge eine Form sieht (und ebenso bei den anderen Sinnen); er beruht auf Unwissenheit. Dieser Gleichmut geht nicht über das Sinnesobjekt hinaus. Er ist nicht befreiend.
- Nekkhammasita Upekkhā: Dies ist der Gleichmut, der „auf Entsagung“ oder Loslösung basiert. Er entsteht aktiv durch die Entwicklung von Weisheit (Paññā) und Einsicht (Vipassanā): Nach MN 137 sieht der Übende mit rechter Weisheit, dass die Sinnesobjekte vergänglich (Anicca), leidhaft (Dukkha) und der Veränderung unterworfen sind – zwei der drei Merkmale der Existenz. Dieser Gleichmut beruht auf Verständnis und geht über das Sinnesobjekt hinaus (Ativattati). MN 137 führt den Weg noch weiter: Selbst der Gleichmut, der auf den formlosen Vertiefungen beruht, wird zuletzt mit Hilfe der Nicht-Identifikation aufgegeben.
Diese Unterscheidung ist von zentraler Bedeutung für den Erlösungsweg. Der buddhistische Pfad zielt darauf ab, den Praktizierenden über den abhängigen, oft auf Unwissenheit beruhenden weltlichen Gleichmut hinaus zu einem stabilen, auf Weisheit gegründeten Gleichmut zu führen, der ein integraler Bestandteil der Befreiung vom Leiden ist. Es geht nicht darum, keine Gefühle mehr zu haben oder unbeteiligt zu sein, sondern die Art und Weise, wie man auf Erfahrungen reagiert, durch Einsicht grundlegend zu transformieren.
Schlüssel-Lehrreden zu Upekkhā im Pāli-Kanon
Die folgenden Lehrreden (Suttas) aus den vier Haupt-Nikāyas des Pāli-Kanons behandeln den Begriff Upekkhā in besonderer Weise oder sind für sein Verständnis von zentraler Bedeutung. Hinweis: Erklärende Texte zu Lehrreden finden sich im Lehrreden-Verzeichnis.
A. Dīgha Nikāya (DN) – Die Sammlung der langen Lehrreden
| Sutta-Nummer | Pāli-Name | Gebräuchlicher Deutscher Name | Hauptquelle / Referenz |
|---|---|---|---|
| DN 13 | Tevijja Sutta | Die Lehrrede über die drei [vedischen] Wissensarten | suttacentral.net/dn13 |
DN 13: Tevijja Sutta (Die Lehrrede über die drei [vedischen] Wissensarten)
Relevanz: In diesem Dialog mit zwei jungen Brahmanen, die den Weg zur Vereinigung mit Brahma suchen, stellt der Buddha die Kultivierung der vier Brahmavihārā – Mettā, Karuṇā, Muditā und Upekkhā – als Weg zur Gemeinschaft mit Brahmā dar: Ein Mönch, der diese Haltungen entfaltet, gleicht darin Brahmā und kann nach dem Tod in Gemeinschaft mit Brahmā wiedergeboren werden. Upekkhā wird hier prominent als Teil der Brahmavihāra-Meditation gelehrt, die den Geist von Feindseligkeit und Übelwollen befreit. Das Sutta verwendet die Standardformel zur Beschreibung der Ausdehnung dieser Geisteszustände in alle Richtungen.
DN 13 – Zusammenfassung und Erklärung der Lehrrede im Lehrreden-Verzeichnis.
B. Majjhima Nikāya (MN) – Die Sammlung der mittleren Lehrreden
| Sutta-Nummer | Pāli-Name | Gebräuchlicher Deutscher Name | Hauptquelle / Referenz |
|---|---|---|---|
| MN 137 | Saḷāyatanavibhaṅga Sutta | Die Lehrrede über die Analyse der sechs Sinnesbereiche | suttacentral.net/mn137 |
| MN 140 | Dhātuvibhaṅga Sutta | Die Lehrrede über die Analyse der Elemente | suttacentral.net/mn140 |
MN 137: Saḷāyatanavibhaṅga Sutta (Die Lehrrede über die Analyse der sechs Sinnesbereiche)
Relevanz: Dieses Sutta ist von herausragender Bedeutung für das Verständnis der verschiedenen Arten von Upekkhā. Es analysiert detailliert die Entstehung von Freude (Somanassa), Traurigkeit (Domanassa) und Gleichmut (Upekkhā) in Bezug auf die sechs Sinne und unterscheidet dabei klar zwischen weltlichem Gleichmut (Gehasita Upekkhā), der auf Unwissenheit beruht und an das Objekt gebunden bleibt, und dem Gleichmut der Entsagung (Nekkhammasita Upekkhā), der durch Einsicht in Vergänglichkeit, Leidhaftigkeit und Veränderlichkeit der Sinnesobjekte entsteht und über das Objekt hinausgeht. Es zeigt den Weg von einer abhängigen zu einer befreienden Form des Gleichmuts.
MN 137 – Zusammenfassung und Erklärung der Lehrrede im Lehrreden-Verzeichnis.
MN 140: Dhātuvibhaṅga Sutta (Die Lehrrede über die Analyse der Elemente)
Relevanz: In einem tiefgründigen Gespräch mit dem Mönch Pukkusāti (der ihn zunächst nicht erkennt), analysiert der Buddha die Erfahrung anhand der sechs Elemente (Erde, Wasser, Feuer, Luft, Raum, Bewusstsein). Gleichmut (Upekkhā) entsteht hier im Kontext der Einsicht, dass keines dieser Elemente „mein“, „ich“ oder „mein Selbst“ ist. Der Zustand des Weisen, der Frieden erlangt hat, wird dadurch charakterisiert, dass jegliches „Identifizieren/Wähnen“ (Maññita) überwunden ist. Das Sutta behandelt auch die neutrale Empfindung (Adukkhamasukhā Vedanā) als Teil der Analyse und verbindet somit tiefen Gleichmut mit der Auflösung der Selbst-Identifikation durch Weisheit.
MN 140 – Zusammenfassung und Erklärung der Lehrrede im Lehrreden-Verzeichnis.
C. Saṃyutta Nikāya (SN) – Die Sammlung der gruppierten Lehrreden
SN 46: Bojjhaṅga Saṃyutta (Die Gruppierte Sammlung über die Erleuchtungsglieder)
Relevanz: Dieses gesamte Kapitel (Saṃyutta), bestehend aus zahlreichen kurzen Lehrreden, ist den sieben Erleuchtungsgliedern (Bojjhaṅgā) gewidmet. Upekkhā wird hier durchgängig als der siebte und letzte Faktor behandelt. Die Suttas in diesem Kapitel erläutern die Bedingungen für sein Entstehen, die Methoden seiner Kultivierung, seine Beziehung zu den anderen sechs Faktoren (Achtsamkeit, Dhamma-Untersuchung, Energie, Verzückung, Ruhe, Sammlung) und seine entscheidende Rolle auf dem Weg zur Befreiung (Nibbāna). Dies ist die primäre Quelle im Pāli-Kanon für das Verständnis von Upekkhā im spezifischen Kontext der Erleuchtungsfaktoren. Es gibt zwar kein eigenes Saṃyutta, das ausschließlich Upekkhā oder den Brahmavihārā gewidmet ist, aber SN 46 behandelt Upekkhā als Bojjhaṅga sehr ausführlich. SN 46 – Zusammenfassung des Kapitels im Lehrreden-Verzeichnis.
D. Aṅguttara Nikāya (AN) – Die Sammlung der angereihten Lehrreden
| Sutta-Nummer | Pāli-Name | Gebräuchlicher Deutscher Name | Hauptquelle / Referenz |
|---|---|---|---|
| AN 4.125 | Mettā Sutta | Die Lehrrede über Güte – oder: Paṭhama Mettā Sutta | suttacentral.net/an4.125 |
| AN 10.219 | Karajakāya Sutta | Die Lehrrede vom durch Wirken geborenen Körper | suttacentral.net/an10.219 |
| AN 6.13 | Nissāraṇīya Sutta | Elemente des Entrinnens | suttacentral.net/an6.13 |
AN 4.125: Mettā Sutta (Die Lehrrede über Güte – oder: Paṭhama Mettā Sutta)
Relevanz: Diese bekannte Lehrrede (und die inhaltlich sehr ähnliche AN 4.126) beschreibt detailliert die Praxis aller vier Brahmavihārā, einschließlich Upekkhā, und deren kraftvolle Auswirkungen. Sie erklärt, dass die intensive Kultivierung dieser Geisteszustände zur Wiedergeburt bei den Göttern der Brahmā-Welten führt; Gleichmut führt zu den Vehapphala-Göttern. Ein gewöhnlicher Mensch fällt nach Ablauf dieser Lebensspanne in die Hölle, das Tierreich oder das Gespensterreich zurück, ein Schüler des Buddha dagegen erlischt (Parinibbāna) noch in jener Existenz. Das Sutta ist bekannt für die Darstellung der karmischen Früchte der Brahmavihāra-Praxis und für diese Unterscheidung zwischen dem gewöhnlichen Menschen und dem edlen Schüler.
AN 10.219: Karajakāya Sutta (Die Lehrrede vom durch Wirken geborenen Körper)
Relevanz: Eine zentrale Lehrrede, die erklärt, wie die vier Brahmavihārā – einschließlich Upekkhā –, wenn sie grenzenlos (appamāṇa) entwickelt werden, zur „Herzensbefreiung“ führen. Der Buddha lehrt hier, dass diese Praxis vergangenes, begrenztes Kamma unwirksam machen kann, sodass es nicht verbleibt.
AN 6.13: Nissāraṇīya Sutta (Elemente des Entrinnens)
Relevanz: Diese Lehrrede ist besonders wertvoll, da sie die spezifische Funktion jeder der vier Brahmavihārā (sowie der ‚zeichenlosen Herzensbefreiung‘ und der ‚Ich-bin-Dünkel-Beseitigung‘) als „Entrinnen“ (Nissaraṇa) aus einem bestimmten negativen Geisteszustand oder einer Fessel erklärt. Upekkhā wird hier explizit als das Entrinnen aus Begierde bzw. Leidenschaft (Rāga) genannt. Dies unterstreicht die aktive, transformierende Kraft des Gleichmuts bei der Überwindung von Anhaftung und Verlangen.
Zusammenfassung und Ausblick
Upekkhā erweist sich bei näherer Betrachtung als ein äußerst reicher und vielschichtiger Begriff im Pāli-Kanon. Er bezeichnet weit mehr als nur eine neutrale Empfindung. Er steht vor allem für eine hochentwickelte Geisteshaltung, die durch ethische Praxis (Sīla), meditative Sammlung (Samādhi) und befreiende Weisheit (Paññā) kultiviert wird.
Diese Haltung manifestiert sich in verschiedenen Kontexten: als unparteiische Ausgeglichenheit gegenüber allen Lebewesen (im Rahmen der Brahmavihārā), als stabilisierender und klärender Faktor auf dem Weg zur Erleuchtung (als siebtes Bojjhaṅga), als charakteristisches Merkmal tiefer meditativer Zustände (Jhāna) und als natürliche Frucht der Einsicht in die wahre Natur der Wirklichkeit (Nekkhammasita Upekkhā).
Die zentrale Erkenntnis aus der Analyse der Texte ist die Notwendigkeit, zwischen einem passiven, oft auf Unwissenheit beruhenden weltlichen Gleichmut (oder gar Apathie) und dem aktiv kultivierten, auf Weisheit basierenden Gleichmut der Entsagung zu unterscheiden. Letzterer ist keine emotionale Unterdrückung oder Gleichgültigkeit, sondern eine unerschütterliche innere Stärke und Klarheit, die aus tiefem Verständnis und einem Herzen erwächst, das auch Mitgefühl und Güte kennt.
Dieser wahre Gleichmut ist eine wesentliche Komponente auf dem buddhistischen Weg zur Befreiung vom Leiden.
Die hier vorgestellten Lehrreden bieten wertvolle Einstiegspunkte für ein tieferes Verständnis von Upekkhā. Eine fortgesetzte Auseinandersetzung mit diesen und weiteren Texten des Pāli-Kanons, idealerweise verbunden mit eigener Reflexion und Meditationspraxis, kann dazu beitragen, diese wichtige Qualität im eigenen Geist zu entwickeln und zu verwirklichen.
Referenzen und weiterführende Webseiten/Dokumente
Quellen, Wörterbücher & Nachschlagewerke- Palikanon.com: Buddhistisches Wörterbuch & Suttas – Die zentrale deutsche Referenz: Nyanatilokas Buddhistisches Wörterbuch mit Belegstellen aus dem Kanon sowie vollständige Sutta-Übersetzungen.
- Klaus Mylius: Wörterbuch Pāli-Deutsch – Das umfassende philologische Wörterbuch, ideal um die Wortbedeutung eines Begriffs unabhängig von späterer Lehrauslegung nachzuschlagen.
- Theravāda-Netz: Glossar & Studienmaterial – Umfangreiche Sammlung mit Suchfunktion für spezifische Fachbegriffe und systematische Erklärungen.
- Alois Payer: Materialien zu den Grundbegriffen des Buddhismus – Eine „Fundgrube“ akademischer Aufschlüsselungen, u.a. die Begriffsreihen der Lehre (Dhammavibhāga) mit Pāli-Originalen.
- Akincano Marc Weber: Texte & Essays – Tiefenpsychologische und philologische Analysen zentraler Schlüsselbegriffe, orientiert an der Stimme der frühen Lehrreden.
- Fred von Allmen: Dharma-Texte & Artikel – Schriftliche Studien zur Klärung zentraler Aspekte des Pfades und deren praktischer Anwendung.
- Zugang zur Einsicht: Schriften aus der Theravāda-Tradition – Deutsche Ausgabe von „Access to Insight“ mit übersetzten Lehrreden und Essays bekannter Theravāda-Lehrer zu zentralen Begriffen.
- Forest Sangha: Publikationen der Waldtradition – Deutsche Bücher und Artikel (u.a. Ajahn Chah, Ajahn Sumedho), die Begriffe wie die Vier Edlen Wahrheiten lebensnah und direkt erklären.
- Edition Suttanta: Online-Bibliothek – Freie E-Books, darunter die „Majjhima-Mātikā“: eine systematische Auflistung aller Lehrpunkte der Mittleren Sammlung mit den Pāli-Begriffen.
- Dhamma Dana: Buchprojekt der BGM – Kostenlose Literatur, nach Themen wie Nicht-Ich, Bedingte Entstehung, Kamma oder Nibbāna geordnet, ideal zur Vertiefung einzelner Konzepte.
- Schatztruhe Palikanon: Der YouTube-Kanal – Zusammenfassungen (als Podcast), die den Zugang zu den teils sperrigen Begriffen und Themen der buddhistischen Lehre erleichtern.
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