Herz-Geist (Citta)

Geisteszustand (Citta)
Geisteszustand (Citta)
Geisteszustand (Citta)

Das Konzept des Citta (Geisteszustand) im Pāli-Kanon

Eine umfassende exegetische und phänomenologische Analyse unter besonderer Berücksichtigung des Dīgha Nikāya und Majjhima Nikāya

Einleitung: Die zentrale Stellung des Citta in der buddhistischen Soteriologie

In der architektonischen Struktur der buddhistischen Lehre (Dhamma), wie sie im Pāli-Kanon (Tipiṭaka) überliefert ist, nimmt der Begriff Citta eine Position von singulärer Bedeutung ein. Oft unzureichend als „Geist“, „Herz“, „Gedanke“ oder „Bewusstsein“ ins Deutsche übersetzt, entzieht sich der Terminus einer simplen lexikalischen Äquivalenz. In der buddhistischen Praxis ist Citta weit mehr als ein kognitives Instrument; es ist der Schauplatz des Leidens (Dukkha) und zugleich der Ort der Befreiung (Vimutti).

Es ist das Citta, das durch Unwissenheit (Avijjā) und Gier (Taṇhā) in den Kreislauf der Wiedergeburten (Saṃsāra) verstrickt wird, und es ist das Citta, das durch Kultivierung (Bhāvanā) zur Leuchtkraft und Freiheit geführt werden kann. Dieser Artikel widmet sich einer erschöpfenden Analyse des Begriffs Citta. Ziel ist es, eine präzise Definition zu erarbeiten, die philologische Nuancen ebenso berücksichtigt wie die praktische Anwendung in der Meditation.

Im Zentrum der Untersuchung stehen ausgewählte Lehrreden aus der „Längeren Sammlung“ (Dīgha Nikāya, DN) und der „Mittleren Sammlung“ (Majjhima Nikāya, MN), die als primäre Quellen für die operative Psychologie des frühen Buddhismus gelten. Insbesondere werden das Satipaṭṭhāna Sutta (MN 10 / DN 22), das Vatthūpama Sutta (MN 7) und das Vitakkasaṇṭhāna Sutta (MN 20) einer detaillierten Exegese unterzogen.

Die Analyse wird zeigen, dass Citta im Pāli-Kanon nicht als statische Substanz oder unvergängliche Seele verstanden wird, sondern als ein dynamischer, konditionierter Prozess, der dennoch – und gerade deshalb – formbar, trainierbar und läuterungsfähig ist. Dieses Paradoxon – die Arbeit an einem „Selbst-losen“ (Anattā) Geist – bildet den Kern der buddhistischen Geistesschulung.

Etymologie, Definition und phänomenologische Abgrenzung

Um die operativen Anweisungen der Suttas zu verstehen, ist zunächst eine klare Begriffsbestimmung notwendig. Der Pāli-Kanon verwendet ein Triumvirat von Begriffen, die im westlichen Sprachgebrauch oft synonym für „Geist“ stehen, im Kontext der buddhistischen Psychologie jedoch distinkte Funktionen erfüllen: Citta, Mano und Viññāṇa.

2.1 Etymologische Wurzeln und Bedeutungsspektrum von Citta

Der Terminus Citta leitet sich etymologisch von der Verbalwurzel cit ab, was „denken“, „wahrnehmen“ oder „erkennen“ bedeutet. Die Kommentarliteratur (Aṭṭhakathā) bietet traditionell drei Ableitungen an, die das Wesen von Citta beleuchten:

  • Das Denkende (Ārammaṇaṃ cintetīti cittaṃ): Citta ist jene Instanz, die ein Objekt erkennt oder „denkt“. Es ist das Subjekt der Kognition.
  • Das Akkumulierende (Cinotīti cittaṃ): Citta sammelt karmische Eindrücke (Kamma) und Dispositionen (Vāsanā). Es ist der Speicherort der Erfahrungen.
  • Das Bunte/Vielfältige (Citra): Das Wort ist verwandt mit dem Begriff für „bunt“ oder „Gemälde“ (Citta als Adjektiv). Dies verweist metaphorisch auf die mannigfaltige Natur des Geistes, der durch unzählige Emotionen, Wahrnehmungen und Gedanken gefärbt wird wie ein komplexes Gemälde.

In den Suttas wird Citta primär als das Gemüt oder die Geisteshaltung verstanden. Es repräsentiert die emotionale und volitionale Qualität des Erlebens. Wenn der Buddha von einem „befreiten Geist“ (Vimutta-citta) oder einem „konzentrierten Geist“ (Samāhita-citta) spricht, bezieht er sich auf den qualitativen Zustand des Bewusstseins, nicht nur auf die kognitive Fähigkeit.

2.2 Die Triade des Geistes: Differenzialdiagnose zu Mano und Viññāṇa

Obwohl Citta, Mano und Viññāṇa in der Umgangssprache der Suttas gelegentlich austauschbar verwendet werden („Was immer da, ihr Mönche, Geist [Citta], Vernunft [Mano] oder Bewusstsein [Viññāṇa] genannt wird …“), offenbart eine tiefere Analyse funktionale Unterschiede, die für das Verständnis der Vier Edlen Wahrheiten essenziell sind.

2.2.1 Viññāṇa (Das Sinnesbewusstsein)

Viññāṇa ist primär das phänomenale Gewahrsein, das durch den Kontakt der Sinne mit ihren Objekten entsteht. Es gehört zu den fünf Daseinsgruppen (Khandhas) und ist damit Teil der Ersten Edlen Wahrheit (Leiden/Dukkha).

  • Funktion: Es „leuchtet“ das Objekt an. Es ist das bloße Registrieren von „Blau“, „Süß“ oder „Ton“.
  • Kontext: Es wird in den Suttas oft als „Gaukler“ oder „Zauberkünstler“ beschrieben, da es eine Kontinuität vorgaukelt, die real nicht existiert. In der Kette des Bedingten Entstehens (Paṭiccasamuppāda) ist es das Bindeglied, das Leben und Wiedergeburt verknüpft.

2.2.2 Mano (Der Verstand / Intellekt)

Mano fungiert als das sechste Sinnesorgan (Manindriya), dessen Objekte Gedanken oder geistige Phänomene (Dhammā) sind.

  • Funktion: Es ist die Instanz der kognitiven Verarbeitung, Koordination und Urteilsfindung. Mano verarbeitet die Rohdaten der fünf physischen Sinne.
  • Kontext: Mano ist eng mit dem Willen (Cetanā) und der Handlung (Kamma) verbunden. Man spricht von Mano-Kamma (geistiger Handlung). Es ist der „Türöffner“ für Gedankenprozesse und gehört somit funktionell oft zur Zweiten Edlen Wahrheit (Ursprung des Leidens), da hier die willentliche Reaktion stattfindet.

2.2.3 Citta (Das Herz-Gemüt)

Während Viññāṇa das Feld des Erlebens ist und Mano das Instrument des Denkens, ist Citta das Subjekt der Entwicklung.

  • Funktion: Es ist der Träger der ethischen Qualität. Ein Citta kann gierig (sarāga) oder gierlos (vītarāga), hasserfüllt (sadosa) oder liebevoll (metta) sein.
  • Kontext: Es ist das zentrale Objekt der Dritten und Vierten Edlen Wahrheit (Pfad und Beendigung). Es ist das Citta, das „gereinigt“ (pariyodapana), „entwickelt“ (bhāvanā) und „befreit“ (vimutti) wird. Die Befreiung im Buddhismus ist primär eine Ceto-vimutti (Gemütsbefreiung).
Begriff Primäre Domäne Assoziierte Edle Wahrheit Metaphorische Funktion
Viññāṇa Sinneswahrnehmung, Rezeption 1. Wahrheit (Dukkha / Resultat) Der Gaukler (Illusion von Einheit)
Mano Intellekt, Kognition, Koordination 2. Wahrheit (Samudaya / Kamma-Erzeugung) Der Torwächter (Manindriya)
Citta Gemüt, Haltung, Temperament 4. Wahrheit (Magga / Kultivierung) Das bunte Gemälde / Das zu Zähmende

Diese Unterscheidung ist von entscheidender Bedeutung für die Interpretation der Lehrreden: Wenn der Buddha in MN 10 anweist, das Citta zu betrachten, meint er nicht die Analyse intellektueller Thesen (Mano), sondern das direkte Erspüren der emotionalen Färbung des Geistes.

Die innere Struktur: Citta, Cetasika und die Natur der Erfahrung

Um die Mechanismen der in MN 7 und MN 20 beschriebenen Geistesschulung zu begreifen, muss man verstehen, dass Citta niemals isoliert auftritt. Es ist strukturell untrennbar mit mentalen Begleitfaktoren (Cetasika) verbunden.

3.1 Das Prinzip der Konkomitanz (Sampayutta)

Die buddhistische Psychologie postuliert, dass Citta (das reine Gewahrsein) und Cetasika (die qualitative Färbung) stets gleichzeitig entstehen (ekuppāda), gleichzeitig vergehen (ekanirodha), dasselbe Objekt nehmen (ekārammaṇa) und dieselbe Basis haben (ekavatthuka). Dies bedeutet: Es gibt kein „neutrales“ Bewusstsein, das erst nachträglich wütend wird. Vielmehr entsteht im Moment des Ärgers ein „hasserfülltes Bewusstsein“ (Dosa-mūla-citta).

Der Hass (Dosa) ist hierbei der dominierende Mentalfaktor (Cetasika), der das gesamte Citta einfärbt wie ein Tropfen rote Farbe ein Glas Wasser.

Die Relevanz der Cetasikas für die Praxis:
Die in den Suttas (z.B. MN 10) beschriebenen Geisteszustände sind im Grunde Beschreibungen der anwesenden Cetasikas.

  • Wenn MN 10 von „Geist mit Gier“ (Sarāga Citta) spricht, bedeutet dies technisch: Ein Bewusstseinsmoment, begleitet vom Cetasika Lobha (Gier).
  • Wenn MN 20 von „Gedankenstillung“ spricht, ist das Ziel, die unheilsamen Cetasikas (Gier, Hass, Verblendung) zu eliminieren und durch heilsame Faktoren wie Sati (Achtsamkeit), Paññā (Weisheit) und Alobha (Gierlosigkeit) zu ersetzen.

Eine Liste der 52 Cetasikas (wie im Abhidhamma systematisiert, aber in den Suttas als Dhammas präsent) verdeutlicht die Komplexität. Zu den universellen Faktoren, die jedes Citta begleiten, gehören Phassa (Kontakt), Vedanā (Gefühl), Saññā (Wahrnehmung) und Cetanā (Wille). Dies erklärt, warum selbst ein unentwickeltes Citta Wille und Gefühl besitzt. Die Schulung (Adhicitta) zielt darauf ab, die „Schönen Faktoren“ (Sobhana Cetasikas) wie Saddhā (Vertrauen), Sati (Achtsamkeit) und Hiri/Ottappa (Scham und Scheu vor dem Unheilsamen) zur Dominanz zu bringen.

3.2 Die Diskontinuität des Geistesstroms (Santāna)

Ein häufiges Missverständnis ist die Vorstellung von Citta als einem kontinuierlichen Selbst. Der Buddha warnt im Assutavā Sutta (SN 12.61) explizit davor, den Geist als ein beständiges Selbst (Attā) zu betrachten:

„Es wäre besser, ihr Mönche, der unterrichtete Weltling nähme diesen aus den vier Elementen bestehenden Körper als Selbst an, statt den Geist. Warum? Dieser Körper mag ein Jahr, zwei Jahre … oder hundert Jahre bestehen. Aber das, was ‚Geist‘ (Citta) oder ‚Vernunft‘ (Mano) oder ‚Bewusstsein‘ (Viññāṇa) genannt wird, das entsteht bei Tag und bei Nacht fortwährend als ein anderes und vergeht als ein anderes.“

Erkenntnis: Das Citta ist eine prozesshafte Abfolge diskreter Ereignisse. Die scheinbare Stabilität ist eine Illusion, ähnlich dem Lichtkreis, den eine schnell geschwungene Fackel erzeugt. Diese Einsicht in die Unbeständigkeit (Anicca) ist der Schlüssel zur Vipassanā-Meditation.

Dennoch – und das ist entscheidend für die Ethik – besteht eine kausale Kontinuität. Ein wütendes Citta im jetzigen Moment konditioniert das Auftreten eines ähnlichen Cittas in der Zukunft (Kamma-Vipāka). Die Kultivierung (Bhāvanā) ist somit der Eingriff in diesen Kausalstrom.

3.3 Das strahlende Citta (Pabhassara Citta)

Obwohl die Natur des Geistes flüchtig ist, erwähnt der Kanon (spezifisch AN 1.51 / AN 1.51 Erklärung) einen Aspekt, der für das Verständnis der Reinigungspraktiken in MN 7 essenziell ist:

„Strahlend (Pabhassaram), ihr Mönche, ist dieser Geist (Citta). Doch er ist durch hinzukommende (āgantuka) Befleckungen verunreinigt.“

Diese Aussage impliziert, dass die Befleckungen (Kilesas) nicht zur intrinsischen Natur des Geistes gehören, sondern „Gäste“ sind. Wären Gier und Hass essenzieller Bestandteil des Citta, wäre eine Reinigung unmöglich. Da sie aber adventitiell sind, kann das Citta durch geeignete Methoden (wie in MN 7 und MN 20 beschrieben) in seinen ursprünglichen, strahlenden Zustand zurückversetzt werden. Dieses Pabhassara Citta ist nicht mit dem Nibbāna gleichzusetzen, sondern stellt oft den Zustand des Bhavaṅga (Unterbewusstsein) oder eines vertieften Samādhi-Zustands dar, der als Basis für die Einsicht dient.

Citta als Objekt der Diagnose: Das Satipaṭṭhāna Sutta (MN 10 / DN 22)

Die Lehrrede über die „Grundlagen der Achtsamkeit“ (Satipaṭṭhāna Sutta), die im Majjhima Nikāya als MN 10 und in erweiterter Form im Dīgha Nikāya als DN 22 (Mahāsatipaṭṭhāna Sutta) vorliegt, ist das Magnum Opus der buddhistischen Meditationsanleitung. Der dritte Teil dieser Lehrrede widmet sich der Cittānupassanā – der Betrachtung des Geistes.

Hier wird Citta zum Objekt der direkten, wertfreien Beobachtung. Der Text liefert keine metaphysischen Spekulationen, sondern eine präzise phänomenologische Typologie von Geisteszuständen, die dem Praktizierenden als diagnostisches Raster dient.

MN 10 / DN 22 – Zusammenfassung und Erklärung der Lehrrede im Lehrreden-Verzeichnis.

4.1 Die Haltung der Betrachtung: „Geist als Geist“

Die Anweisung lautet: „Und wie, ihr Mönche, verweilt ein Mönch, indem er den Geist als Geist betrachtet?“ (Citte cittānupassī viharati).

Die Formulierung „Geist als Geist“ (citte citta) ist signifikant. Sie fordert eine objektive Distanzierung. Der Meditierende soll nicht denken: „Ich bin wütend“ oder „Mein Geist ist zerstreut“ (was eine Identifikation, Sakkāya-diṭṭhi, implizieren würde). Stattdessen soll er den Zustand als ein unpersönliches Naturphänomen registrieren: „Da ist ein wütender Geisteszustand.“ Dies dekonstruiert die Identifikation mit den Emotionen.

4.2 Die 16 Geisteszustände (Acht Paare)

Der Buddha listet 16 Zustände auf, die in acht dualistischen Paaren angeordnet sind. Diese Liste deckt das gesamte Spektrum vom ordinären, verblendeten Bewusstsein bis hin zum erleuchteten Geist ab.

Nr. Pāli-Begriff Übersetzung Phänomenologische Beschreibung & Diagnose
1a Sarāgaṃ cittaṃ Geist mit Gier Präsenz von Begehren, Lust, Anhaftung oder sexueller Erregung. Begleitet vom Cetasika Lobha.
1b Vītarāgaṃ cittaṃ Geist ohne Gier Abwesenheit von Gier. Kann ein neutraler Zustand oder ein Zustand der Großzügigkeit (Alobha) sein.
2a Sadosaṃ cittaṃ Geist mit Hass Präsenz von Aversion, Ärger, Übelwollen, Irritation. Begleitet vom Cetasika Dosa.
2b Vītadosaṃ cittaṃ Geist ohne Hass Abwesenheit von Aversion. Basis für Mettā (Güte).
3a Samohaṃ cittaṃ Geist mit Verblendung Zustand der Verwirrung, Unklarheit, Nicht-Wissen. Begleitet vom Cetasika Moha.
3b Vītamohaṃ cittaṃ Geist ohne Verblendung Zustand der Klarheit und des Verständnisses. Präsenz von Weisheit (Paññā).
4a Saṅkhittaṃ cittaṃ Zusammengezogener Geist Oft interpretiert als Trägheit, Starrheit (Thīna-middha) oder Passivität. Ein Mangel an Energie.
4b Vikkhittaṃ cittaṃ Zerstreuter Geist Zustand der Unruhe (Uddhacca), schweifende Gedanken, Mangel an Fokus.
5a Mahaggataṃ cittaṃ Erhabener Geist Wörtl. „Groß geworden“. Bezieht sich technisch auf die Jhāna-Zustände (meditative Vertiefungen) oder die Brahma-Vihāras. Der Geist hat die Sinnessphäre (Kāmāvacara) transzendiert.
5b Amahaggataṃ cittaṃ Nicht erhabener Geist Der gewöhnliche Geist der Sinnessphäre.
6a Sa-uttaraṃ cittaṃ Übertreffbarer Geist Ein Zustand, der noch höher entwickelt werden kann (z.B. niedrigere Jhanas).
6b Anuttaraṃ cittaṃ Unübertreffbarer Geist Ein Zustand höchster Reinheit (oft bezogen auf Arhatschaft oder höchste Sammlung).
7a Samāhitaṃ cittaṃ Konzentrierter Geist Ein Geist in Samādhi, stabil und einspitzig (Ekaggatā).
7b Asamāhitaṃ cittaṃ Unkonzentrierter Geist Ein Geist ohne Stabilität, flatterhaft.
8a Vimuttaṃ cittaṃ Befreiter Geist Ein Geist, der (temporär oder permanent) von Befleckungen befreit (Vimutti) ist.
8b Avimuttaṃ cittaṃ Unbefreiter Geist Ein Geist, der noch unter dem Einfluss der Hindernisse (Nīvaraṇa) steht.

Analyse der Praxis:
Die radikale Innovation dieser Lehrrede liegt darin, dass selbst negative Zustände (Gier, Hass) primär erkannt werden müssen („Er weiß: Da ist ein lustvolles Citta“). Diese Diagnose ist der erste Schritt zur Heilung. Es entsteht eine Dissoziation zwischen dem Beobachter (Sati) und dem Beobachteten (Citta).
Wenn Gier erkannt wird, ist im Moment des Erkennens die Achtsamkeit präsent. Da zwei unterschiedliche Cittas nicht exakt gleichzeitig existieren können, folgt das erkennende Citta auf das gierige Citta. Durch das stetige Bemerken („Aha, Zerstreuung“) wird die Energie der Identifikation entzogen. Das Citta wird transparent und zeigt seine drei Daseinsmerkmale: Unbeständigkeit (Anicca), Leidhaftigkeit (Dukkha) und Nicht-Selbst (Anattā).

Citta in der Praxis der Läuterung: Das Vatthūpama Sutta (MN 7)

Nach der Diagnose in MN 10 folgt die Therapie. Das Vatthūpama Sutta (Das Gleichnis vom Tuch, MN 7) bietet eine eindrückliche Metapher für die Natur der geistigen Befleckungen (Upakkilesa) und den Prozess ihrer Reinigung.

5.1 Die Metapher des Färbers

Der Buddha beginnt mit einem Gleichnis aus der Textilhandwerkskunst:

„Angenommen, Mönche, ein Tuch wäre befleckt und schmutzig, und ein Färber tauchte es in Farbe – blau, gelb, rot oder karmesin. Es würde schlecht gefärbt aussehen und unrein in der Farbe sein. Warum? Weil das Tuch unrein war. Ebenso, Mönche, ist ein schlechter Daseinsbereich (Duggati) zu erwarten, wenn das Citta verunreinigt ist.“

Umgekehrt nimmt ein reines Tuch die Farbe gut an, was zu einem glücklichen Daseinsbereich (Sugati) führt. Die Metapher impliziert, dass spirituelle Praktiken (das Färben) wie Meditation oder Rituale keinen Erfolg haben können, wenn die ethische und emotionale Basis (das Tuch/Citta) verschmutzt ist. Ein unreines Citta kann die „Farbe“ des Dhamma (Weisheit/Sammlung) nicht aufnehmen.

5.2 Die 16 geistigen Trübungen (Upakkilesa)

Der Buddha listet 16 spezifische Upakkilesas (Unreinheiten/Trübungen) auf, die das Citta verdunkeln. Diese Liste ist eine detaillierte Aufschlüsselung der menschlichen Schattenseiten und geht weit über die groben Wurzelgifte hinaus. Es fällt auf, dass viele dieser Begriffe soziale Emotionen sind, was zeigt, dass Citta im Buddhismus stark im Beziehungskontext verstanden wird.

  • Abhijjhā-visama-lobha: Habsucht und ungerechte Gier. Der Wunsch, sich das Eigentum anderer anzueignen.
  • Byāpāda: Übelwollen. Der innere Wunsch, dass anderen Schaden zugefügt wird.
  • Kodha: Zorn. Der aufwallende Ärger, der „kocht“.
  • Upanāha: Groll/Nachtragen. Das Festhalten an vergangenem Ärger, das „Verschnüren“ des Grolls.
  • Makkha: Verleumdung/Undankbarkeit. Das Herabwürdigen der Wohltaten anderer.
  • Paḷāsa: Herrschsucht/Dominanzstreben. Der Drang, sich mit anderen zu messen und sie zu dominieren.
  • Issā: Neid. Der Schmerz über den Erfolg anderer.
  • Macchariya: Geiz. Die Unfähigkeit zu teilen, das Verbergen des eigenen Besitzes.
  • Māyā: Heuchelei/Trug. Das Vortäuschen von Qualitäten, die man nicht besitzt.
  • Sātheyya: Falschheit/Betrug. Das Verschleiern der eigenen Fehler.
  • Thambha: Starrsinn/Sturheit. Die Unfähigkeit, nachzugeben; mentale Verhärtung.
  • Sārambha: Wetteifer/Konkurrenzsucht. Das aggressive Bestreben, andere zu übertrumpfen.
  • Māna: Dünkel/Stolz. Die Messung des Selbst („Ich bin besser/schlechter/gleich“).
  • Atimāna: Überheblichkeit/Arroganz. Ein exzessiver Stolz, der andere verachtet.
  • Mada: Berauschtheit/Eitelkeit. Trunkenheit an Jugend, Gesundheit oder Leben.
  • Pamāda: Nachlässigkeit/Unachtsamkeit. Das Fehlen von Achtsamkeit in Bezug auf heilsame Qualitäten.

5.3 Der Prozess der Waschung und das Resultat

Die Reinigung erfolgt durch Erkenntnis und gezieltes Aufgeben: „Er erkennt: ‚Habsucht ist eine Trübung des Geistes‘ – und er gibt sie auf.“ Dies ist ein aktiver kognitiver Prozess. Man sieht den Schmutzfleck und wäscht ihn aus.

Das Resultat dieser Reinigung ist eine Kaskade positiver Geisteszustände, die direkt in die Meditation/Sammlung (Samādhi) münden:

  • Aveccappasāda: Unerschütterliches Vertrauen in den Buddha, Dhamma und Sangha entsteht, weil man die Wirkung der Lehre am eigenen Geist erfährt.
  • Pāmojja (Freude): Aus dem Vertrauen entsteht eine heitere Freude.
  • Pīti (Verzückung): Aus der Freude entsteht körperliche und geistige Verzückung.
  • Passaddhi (Beruhigung): Der Körper wird ruhig.
  • Sukha (Glückseligkeit): Der Beruhigte empfindet Glück.
  • Samādhi (Sammlung): „Das Citta des Glücklichen konzentriert sich.“

Dieses Schema zeigt die psychologische Dynamik: Ein ethisch reines Gewissen ist die physiologische Voraussetzung für tiefe Meditation. Citta wird hier als ein selbstreinigendes System dargestellt, sobald die Störfaktoren entfernt sind.

MN 7 – Zusammenfassung und Erklärung der Lehrrede im Lehrreden-Verzeichnis.

Kognitive Steuerung und Adhicitta: Das Vitakkasaṇṭhāna Sutta (MN 20) und Dvedhāvitakka Sutta (MN 19)

Während MN 7 die Reinigung durch ethische Einsicht beschreibt, bieten MN 19 und MN 20 hochentwickelte kognitive Strategien zur aktiven Steuerung des Citta. Hier wird der Aspekt des Adhicitta (Höherer Geist / Training der Konzentration) deutlich.

6.1 Die Ethik des Denkens (MN 19 – Dvedhāvitakka Sutta)

In dieser autobiografischen Lehrrede beschreibt der Buddha seine Praxis vor dem Erwachen. Er erkannte, dass Gedanken nicht zufällig sind, sondern Muster bilden. Er teilte seine Gedanken (Vitakka) in zwei Kategorien:

  • Unheilsam (Akusala): Gedanken an Sinneslust (Kāma), Übelwollen (Byāpāda), Grausamkeit (Vihiṃsā).
  • Heilsam (Kusala): Gedanken an Entsagung (Nekkhamma), Wohlwollen (Avyāpāda), Gewaltlosigkeit (Avihiṃsā).

Das Prinzip der Neigung (Neuroplastizität):
Der Buddha formuliert hier ein psychologisches Gesetz, das der modernen Neuroplastizität entspricht: „Was immer ein Bhikkhu häufig denkt und erwägt, dahin wird sich der Geist (Citta) neigen (Namati).“

Wenn man oft Gedanken der Entsagung pflegt, neigt sich das Citta physisch und mental zur Entsagung. Das Citta ist also plastisch; es wird durch Gewohnheit geformt. Wenn man jedoch unheilsame Gedanken zulässt, bahnt man neuronale „Autobahnen“ für Gier und Hass. Der Buddha warnt jedoch auch bei heilsamen Gedanken: Wenn man zu viel denkt, wird der Körper müde und das Citta unruhig. Das Denken selbst – auch das gute – ist eine grobe Aktivität, die schließlich zugunsten der inneren Stille (Samādhi) aufgegeben werden muss.

MN 19 – Zusammenfassung und Erklärung der Lehrrede im Lehrreden-Verzeichnis.

6.2 Fünf Strategien zur Gedankenkontrolle (MN 20 – Vitakkasaṇṭhāna Sutta)

Wenn unheilsame Gedanken hartnäckig bleiben und durch bloße Erkenntnis nicht verschwinden, bietet MN 20 fünf eskalierende Methoden an, um das Citta zu kontrollieren. Diese Methoden sind wie ein Werkzeugkasten für den Umgang mit intrusiven Gedanken.

Stufe Methode Pāli-Begriff Analogie des Buddha Anwendung
1 Ersetzen Añña-nimitta Wie ein Zimmermann, der einen groben Keil mit einem feinen Keil herausschlägt. Fokuswechsel. Man richtet das Citta auf ein entgegengesetztes, heilsames Objekt. (z.B. bei Hass an Liebe denken; bei Gier an die Unreinheit des Körpers).
2 Gefahr sehen Ādīnava Wie eine junge, schmuckliebende Person, der man einen Tierkadaver um den Hals hängt. Reflexion über die Konsequenzen. Man erzeugt Hiri (Scham) und Ottappa (Scheu) vor dem unheilsamen Gedanken, indem man dessen leidhafte Folgen visualisiert.
3 Ignorieren Asati-amanasikāra Wie jemand, der die Augen schließt oder wegschaut, um unerwünschte Formen nicht zu sehen. Aufmerksamkeitsentzug. Man „vergisst“ den Gedanken, gibt ihm keine Energie mehr, beschäftigt sich mit etwas Neutralem.
4 Beruhigen Vitakka-saṅkhāra-saṇṭhāna Wie ein Mann, der rennt und sich fragt: „Warum renne ich? Ich kann gehen … stehen … sitzen.“ Analyse der Formierung. Man untersucht den Ursprung und die energetische Struktur des Gedankens („Warum denke ich das?“), was den Impuls verlangsamt.
5 Unterdrücken Abhiniggaṇhana Wie ein starker Mann, der einen schwächeren am Kopf packt und niederdrückt. Willenskraft. Mit zusammengebissenen Zähnen und Zunge am Gaumen den Geist mit dem Geist niederzwingen (Cetasā cittaṃ abhiniggaṇhitabbaṃ).

Analyse:
Die letzte Methode (Unterdrücken) ist die Ultima Ratio. Sie zeigt, dass Citta in extremen Fällen mit purer Willenskraft (Viriya) bekämpft werden muss. Der Ausdruck „den Geist mit dem Geist niederzwingen“ ist faszinierend: Ein Teil des Citta (der entwickelte Wille/Weisheit) kämpft gegen einen anderen Teil (die triebhafte Tendenz). Dies verdeutlicht die Dualität innerhalb des Citta-Santāna (Geistesstroms) – es ist kein monolithisches Selbst, sondern ein Feld widerstreitender Kräfte.

6.3 Die Metapher des Goldwäschers (Adhicitta)

Zur Vertiefung des Verständnisses von MN 20 und der Läuterung ist das Gleichnis vom Goldwäscher (Paṃsudhovaka Sutta, AN 3.101) hilfreich, das thematisch eng mit den MN-Texten verknüpft ist. Der Buddha vergleicht das Training des Adhicitta (höheren Geistes) mit der Goldreinigung:

  • Zuerst wäscht man den groben Schmutz (Erde/Sand) aus -> Entspricht dem Entfernen grober Unheilsamkeit (Körper/Sprache).
  • Dann wäscht man feinen Sand aus -> Entspricht dem Entfernen von sinnlichen Gedanken (Kāma-vitakka).
  • Schließlich entfernt man feinste Unreinheiten -> Entspricht dem Entfernen von subtilen Gedanken an den Dhamma (Dhamma-vitakka), bis nur noch reines Gold übrig bleibt.

Dieses „Gold“ ist das Äquivalent zum Samāhita Citta (konzentrierten Geist) in MN 20: geschmeidig, glänzend und bereit, zu jedem Schmuckstück (Erkenntnis) verarbeitet zu werden.

MN 20 – Zusammenfassung und Erklärung der Lehrrede im Lehrreden-Verzeichnis.

Citta und Befreiung (Vimutti)

Das ultimative Ziel der Arbeit am Citta ist nicht nur ein ruhiger, sondern ein befreiter Geist (Vimutti). Ein Citta, das durch Sīla (MN 7) gereinigt und durch Samādhi (MN 20) stabilisiert wurde, ist bereit für den Durchbruch zur Weisheit (Paññā).

Die Befreiung wird im Pāli-Kanon durch zwei komplementäre Begriffe beschrieben:

  • Ceto-vimutti (Befreiung des Gemüts): Die Befreiung von den emotionalen Fesseln (Rāga/Dosa). Sie resultiert primär aus der Ruhemeditation (Samatha) und der Kultivierung der Vertiefungen.
  • Paññā-vimutti (Befreiung durch Weisheit): Die Befreiung von Unwissenheit (Avijjā). Sie resultiert aus der Einsichtsmeditation (Vipassanā), die die Unbeständigkeit des Citta erkennt.

Ein Arahant (ein vollkommen Erwachter) besitzt die „unerschütterliche Gemütsbefreiung“ (Akuppa-cetovimutti). Hier ist das Citta so weit geläutert, dass keine Bedingung es mehr trüben kann. Es ist, um das Bild von MN 7 zu nutzen, ein Tuch, das keinen Schmutz mehr annehmen kann. Das Citta des Arahants wird oft als Vimutta-citta bezeichnet. Interessanterweise verschwindet das Citta bei der Erleuchtung nicht (wie das Selbst-Konzept, das als Illusion erkannt wird), sondern es ändert seine Qualität fundamental: Es wird „grenzenlos“ (Appamāṇa), „ohne Anzeichen“ (Animitta) und frei von Neigungen (Anusaya).

Zusammenfassung

Der Begriff Citta im Dīgha- und Majjhima Nikāya bezeichnet das dynamische Zentrum der subjektiven Erfahrung, welches gleichermaßen die Ursache für Saṃsāra als auch das Vehikel für Nibbāna ist.

Die Analyse der drei Haupt-Suttas zeigt eine klare methodische Progression:

  • Diagnose (MN 10 / DN 22): Durch Cittānupassanā wird der Geist objektiviert. Man lernt, Geisteszustände (Gier, Hass, Zerstreuung) zu erkennen, ohne sich mit ihnen zu identifizieren.
  • Reinigung (MN 7): Durch die Identifikation spezifischer Verunreinigungen (Upakkilesas) und deren aktives Aufgeben wird die Basis für Vertrauen und Freude gelegt.
  • Training (MN 19 / MN 20): Durch kognitive Strategien und Willenskraft wird der Geist von unheilsamen Neigungen entwöhnt und auf das Heilsame ausgerichtet.

Das Citta ist somit kein metaphysisches Absolutum, sondern ein Prozess, der durch Weisheit geformt werden kann. Wie der Buddha in den ersten Versen des Dhammapada sagt: „Vom Geist (Mano/Citta) gehen die Dinge aus, sind geistgeboren, geistgeführt.“ Die Meisterschaft über das Citta ist daher der Schlüssel zur Befreiung vom Leiden.

Nimm dies als Einladung, die Zügel selbst in die Hand zu nehmen: Dein Geist ist nicht dein unveränderliches Schicksal, sondern ein offenes Feld, das du durch achtsame Pflege in einen Ort des Friedens verwandeln kannst.

Referenzen & weiterführende Webseiten/Dokumente

Quellen, Suttas & Nachschlagewerke Lehrer, Essays & Praxis-Vertiefung E-Books, Audio & Bibliotheken

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