Das Joch des Daseins: Eine erschöpfende Analyse der Yogas im Pāli-Kanon
Einleitung: Die Metaphorik der Knechtschaft im frühen Buddhismus
Inhaltsverzeichnis
- Die Phänomenologie der vier Yogas
- Zentrale Lehrreden im Dīgha Nikāya und Majjhima Nikāya
- Das Yoga-Sutta (AN 4.10) – Die primäre Definition
- Verwandte Konzepte und das semantische Feld
- Relevante Kapitel im Saṃyutta Nikāya (SN)
- Fazit: Die Befreiung vom Joch
- Referenzen & weiterführende Webseiten/Dokumente
Die Struktur des Befreiungsweges des frühen Buddhismus, wie sie im Tipiṭaka der Theravāda-Tradition überliefert ist, zeichnet sich durch eine radikale Diagnose der menschlichen Kondition aus. Im Zentrum dieser Diagnose steht die Erkenntnis, dass das unerleuchtete Dasein nicht durch Freiheit, sondern durch eine fundamentale Unfreiheit gekennzeichnet ist.
Um diese existentielle Gefangenschaft zu beschreiben, bedient sich der Pāli-Kanon einer reichen Bildsprache, die aus der landwirtschaftlichen und handwerklichen Lebenswelt des antiken Indiens schöpft. Einer der prägnantesten und philosophisch dichtesten Begriffe in diesem semantischen Feld ist Yoga.
Während der Begriff „Yoga“ in der modernen globalisierten Spiritualität primär mit körperlichen Übungen oder einer mystischen Vereinigung (unio mystica) assoziiert wird, offenbart die philologische und kontextuelle Analyse der frühen buddhistischen Lehrreden eine gänzlich andere Bedeutungsebene. Im Pāli, der liturgischen Sprache des Theravāda, bezeichnet Yoga in diesem spezifischen doktrinären Kontext ein „Joch“, eine „Anschirrung“ oder eine „Bürde“. Es ist das Instrument, mit dem ein Zugtier an einen Karren oder Pflug gebunden wird, sodass es nicht mehr seiner eigenen Willkür folgen kann, sondern den Willen des Treibers ausführen und die Last ziehen muss.
Diese Metapher ist von zentraler Bedeutung für das buddhistische Verständnis von Dukkha (Leiden/Unzulänglichkeit). Der Mensch – oder genauer: das fühlende Wesen (Satta) – wird nicht als autonomes Subjekt gesehen, das frei durch die Welt navigiert, sondern als ein Wesen, das unter ein vierfaches Joch gespannt ist. Dieses Joch zwingt ihn, den Karren des Saṃsāra (des Kreislaufs der Wiedergeburten) durch endlose Äonen zu ziehen. Die Befreiung (Vimutti) besteht folglich nicht in der „Vereinigung“ mit einem göttlichen Prinzip, sondern in der „Entjochung“ (Visaṃyoga) – dem Abwerfen der Last und dem Erreichen einer absoluten Sicherheit vor erneuter Versklavung, einem Zustand, der als Yogakkhema (Sicherheit vor dem Joch) bekannt ist.
In diesem Bericht wird das Konzept der vier Yogas (Cattāro Yogā) einer erschöpfenden Analyse unterzogen. Wir werden die phänomenologische Struktur dieser vier Bindungen untersuchen, ihre Darstellung in den zentralen Lehrreden des Dīgha Nikāya (DN), des Majjhima Nikāya (MN) und des Aṅguttara Nikāya (AN) erläutern und ihre Beziehung zu verwandten Konzepten wie den Āsavas (Einflüssen) und Oghas (Fluten) klären. Ziel ist es, dir einen tiefgreifenden Zugang zu diesem oft missverstandenen Kernstück der buddhistischen Psychologie zu ermöglichen, gestützt auf präzise Quellenangaben aus dem SuttaCentral-Archiv.
Teil I: Die Phänomenologie der vier Yogas
Die kanonische Definition identifiziert vier spezifische Arten von Jochen, die das Bewusstsein fesseln. Diese Tetrade bildet eine umfassende Kartierung der menschlichen Verblendung, die von den gröbsten sinnlichen Begierden bis hin zu den feinsten Täuschungen über das Dasein reicht. Die vier Yogas sind:
- Kāmayoga: Das Joch der Sinnlichkeit.
- Bhavayoga: Das Joch des Werdens (oder der Existenz).
- Diṭṭhiyoga: Das Joch der Ansichten.
- Avijjāyoga: Das Joch des Unwissens.
Diese Klassifikation ist nicht willkürlich, sondern spiegelt die Schichtung der menschlichen Psyche wider. Während Kāmayoga die offensichtliche Ebene der Triebbefriedigung anspricht, dringen Bhavayoga und Diṭṭhiyoga in die tieferen Schichten des Überlebenstriebs und der intellektuellen Identifikation vor, bis Avijjāyoga schließlich den fundamentalen kognitiven Defekt benennt, der das gesamte System aufrechterhält.
1. Kāmayoga: Die Fessel der Sinnenwelt
Das Kāmayoga (Pāli: Kāma = Sinnlichkeit/Begierde; Yoga = Joch) bezeichnet die mächtige psychische Bindung an die fünf Stränge der sinnlichen Lust (Pañca Kāmaguṇā): Formen, Töne, Düfte, Geschmäcker und Berührungsempfindungen, die angenehm, liebenswürdig und verlockend sind.
Die Mechanik der Anschirrung: Die Lehrreden beschreiben Kāmayoga nicht bloß als den Genuss von Sinnesobjekten, sondern als die Leidenschaft (Chanda-Rāga), die das Bewusstsein an diese Objekte fesselt. Wie ein Ochse, der durch ein Joch an den Karren gebunden ist und sich nur in die Richtung bewegen kann, die das Joch vorgibt, so wird der Geist durch Kāmayoga in die Sphäre der Sinnenwelt (Kāmaloka) gezwungen.
Diese Bindung hat fatale Konsequenzen für die Kognition. Wer unter dem Joch der Sinnlichkeit steht, verliert die Fähigkeit zur objektiven Wahrnehmung. Objekte werden nicht mehr in ihrer Vergänglichkeit (Anicca) gesehen, sondern ausschließlich unter dem Aspekt ihrer Befriedigungsfähigkeit. Dies führt zu einer endlosen Jagd nach Stimulation, die nie zu einer dauerhaften Befriedigung führen kann, da die Objekte selbst instabil sind. Die psychologische Last dieses Jochs manifestiert sich als chronische Unzufriedenheit, Unruhe und die Angst vor dem Verlust des Geliebten.
Kontextuelle Einordnung: In der modernen psychologischen Terminologie könnte man Kāmayoga als den Mechanismus der hedonistischen Tretmühle beschreiben. Der Buddha analysiert hier jedoch nicht nur individuelles Fehlverhalten, sondern ein universelles Prinzip, das Wesen an die niedrigste der drei Daseinsebenen bindet. Solange dieses Joch nicht durchtrennt ist, ist eine Wiedergeburt in den Sphären der Sinnlichkeit (Höllen, Tierreich, Geisterreich, Menschenwelt, niedrige Götterhimmel) unvermeidlich.
2. Bhavayoga: Die Sucht nach Existenz
Subtiler und schwerer zu erkennen als das Joch der Sinnlichkeit ist das Bhavayoga, das Joch des Werdens. Bhava (Werden/Existenz) bezeichnet im buddhistischen Kontext den aktiven Prozess der Daseinsgestaltung sowie das Verlangen nach Fortdauer und Identität.
Die zwei Gesichter des Bhavayoga: Das Joch des Werdens manifestiert sich primär in zwei Formen:
- Das Verlangen nach ewiger Existenz (Sassata-Diṭṭhi nahestehend): Der Wunsch, dass das „Ich“ nach dem Tod in einer höheren, feineren oder spirituelleren Form weiterbesteht. Dies treibt Menschen oft zu religiösen Praktiken, die auf eine Wiedergeburt im Rūpa-Loka (Feinkörperliche Welt) oder Arūpa-Loka (Formlose Welt) abzielen. Selbst hohe meditative Vertiefungen (Jhānas) können zur Falle werden, wenn sie mit dem Joch des Werdens verknüpft sind – der Meditierende haftet an der Glückseligkeit der Versenkung und wünscht sich deren Ewigkeit.
- Der Instinkt der Selbsterhaltung: Auf einer biologischen Ebene ist Bhavayoga der blinde Drang zu überleben und zu „werden“, der jedes fühlende Wesen antreibt. Es ist die Angst vor der Vernichtung (Vibhava), die paradoxerweise oft in einer nihilistischen Gier nach Auslöschung umschlagen kann (obwohl Vibhava-Taṇhā oft separat behandelt wird, ist das Hängen an der Vorstellung von „Sein“ oder „Nicht-Sein“ Teil dieses Komplexes).
Das Yoga-Sutta (AN 4.10) erklärt, dass Bhavayoga entsteht, wenn man die Entstehung, das Vergehen, den Reiz, die Gefahr und das Entkommen in Bezug auf das Dasein nicht versteht. Wer die Gefahr (Ādīnava) im ständigen Prozess des Werdens – nämlich die Unvermeidlichkeit von Alter, Krankheit und Tod – nicht sieht, bleibt unter dieses Joch gespannt.
3. Diṭṭhiyoga: Das Joch der dogmatischen Ansichten
Das Diṭṭhiyoga bezieht sich auf die intellektuelle Ebene der Bindung. Diṭṭhi wird oft als „falsche Ansicht“ übersetzt, meint aber im Kontext der Yogas umfassender jede starre Meinung, jedes theoretische Konstrukt oder jede Ideologie, an die sich der Geist klammert, um Sicherheit zu finden.
Die Konstruktion der Realität: Der unerleuchtete Geist neigt dazu, Unsicherheit durch das Ergreifen von absoluten Wahrheiten zu kompensieren. Dies können religiöse Dogmen (z. B. „Die Welt ist ewig“ oder „Die Seele ist identisch mit dem Körper“), politische Ideologien oder materialistische Weltbilder sein. Das Joch besteht hier darin, dass die Wahrnehmung der Realität durch den Filter der Ansicht verzerrt wird.
Besonders bindend ist die Sakkāya-Diṭṭhi (Persönlichkeitsansicht), die Vorstellung, dass die fünf Aggregate (Körper, Gefühl, Wahrnehmung, Bildekräfte, Bewusstsein) ein beständiges „Selbst“ oder eine „Seele“ (Attā) darstellen. Dieses Joch zwingt den Menschen, alle Erfahrungen auf ein illusoriertes Ich-Zentrum zu beziehen („Das ist mein“, „Das bin ich“), was die Grundlage für Egoismus, Stolz und Abgrenzung bildet. In der Brahmajāla-Sutta (DN 1) katalogisiert der Buddha 62 Arten von falschen Ansichten. Das Diṭṭhiyoga ist die Kraft, die den Geist zwingt, in dieses „Netz“ (Jāla) von Spekulationen zu gehen und sich darin zu verfangen.
4. Avijjāyoga: Das fundamentale Unwissen
Das vierte und fundamentalste Joch ist Avijjāyoga. Avijjā (Unwissenheit/Verblendung) ist im Buddhismus nicht bloß ein Mangel an Information, sondern ein aktiver Zustand des Fehlwissens.
Die Wurzel der saṃsārischen Existenz: Avijjāyoga ist das Joch, das den Blick für die Vier Edlen Wahrheiten (Cattāri Ariyasaccāni) verschleiert. Ein Wesen unter diesem Joch hält das Unbeständige für beständig, das Leidvolle für glückbringend, das Nicht-Selbst für ein Selbst und das Unschöne für schön.
Dieses Joch ist die Basis für die anderen drei. Weil man unwissend ist (Avijjāyoga), hält man Sinnesfreuden für das höchste Glück (Kāmayoga), wünscht sich ewiges Dasein (Bhavayoga) und konstruiert Theorien über das Ich (Diṭṭhiyoga). In der Kette des Bedingten Entstehens (Paṭiccasamuppāda) steht Avijjā am Anfang (konditional, nicht temporal), was seine Rolle als primäre Triebfeder des Leidenskreislaufs unterstreicht.
Teil II: Zentrale Lehrreden im Dīgha Nikāya und Majjhima Nikāya
Die Untersuchung von Lehrreden aus den langen und mittleren Sammlungen führt uns zu Texten, die sowohl die doktrinäre Systematik als auch die praktische Anwendung der Yoga-Lehre verdeutlichen.
Dīgha Nikāya (DN): Die großen Kompendien
Im Dīgha Nikāya taucht der Begriff der Yogas vor allem in den späten, systematischen Lehrreden auf, die oft den Charakter von Mātikās (Listen/Matrizen) haben. Diese Texte dienten der mnemotechnischen Bewahrung der Lehre und der Verhinderung von Schismen durch dogmatische Klarheit.
1. Die Saṅgīti-Sutta (DN 33): „Das Konzert der Lehre“
Kontext: Die Saṅgīti-Sutta („Lehrrede vom gemeinsamen Singen“ oder „Recital Sutta“) spielt in Pāvā, kurz nach dem Tod des Jaina-Führers Nigaṇṭha Nāṭaputta. Dessen Anhänger hatten sich in Streitigkeiten über die Lehre zerstritten. Um ein ähnliches Schicksal für den Saṅgha (die buddhistische Gemeinde) zu verhindern, fordert der Buddha Sāriputta auf, die Lehre systematisch vorzutragen.
Behandlung der Yogas: In der Sektion der Vierergruppen (Catukka-Nipāta) listet Sāriputta die „Vier Yogas“ explizit auf: „Vier Joche (Cattāro Yogā): Das Joch der Sinnlichkeit (Kāmayogo), das Joch des Werdens (Bhavayogo), das Joch der Ansichten (Diṭṭhiyogo), das Joch des Unwissens (Avijjāyogo).“ (DN 33.1.11).
Bedeutung: Die bloße Nennung in dieser Liste erhebt die vier Yogas in den Rang eines unverzichtbaren Kernbestandteils des Dhamma. Sie werden hier parallel zu anderen Vierergruppen gestellt, wie den vier Āsavas, den vier Ganthā (Körperknoten) und den vier Upādānas (Ergreifungen). Dies zeigt, dass die Yogas Teil eines redundanten, aber präzisen Netzwerks von Begriffen sind, die alle denselben Befund – die Unfreiheit des Geistes – aus leicht unterschiedlichen Blickwinkeln beschreiben. Für dich als Praktizierenden ist DN 33 wichtig, weil es die Autorität dieser Klassifikation etabliert: Es ist nicht nur eine beiläufige Metapher, sondern ein Lehrsatz, der „gemeinsam rezitiert“ werden muss.
- Link: https://suttacentral.net/dn33
- Erklärung: DN 33 – im Lehrreden-Verzeichnis.
2. Die Dasuttara-Sutta (DN 34): „Die Zehner-Reihe“
Kontext: Ähnlich wie DN 33 ist die Dasuttara-Sutta eine strukturierte Liste, jedoch mit einem dynamischen Prinzip. Sie geht die Zahlen eins bis zehn durch und fragt für jede Zahl nach verschiedenen Kategorien: Was hilft viel? Was ist zu entfalten? Was ist zu erkennen? Was ist aufzugeben?
Behandlung der Yogas: In der Sektion der Vierer findet sich eine entscheidende Anweisung. Auf die Frage „Welche vier Dinge sind aufzugeben (Pahātabbā)?“ antwortet Sāriputta mit den vier Yogas. Gleichzeitig werden in der Sektion der „Dinge, die zu realisieren sind“ oder die „zur Lösung führen“, die Visaṃyogas (die Entjochungen) impliziert.
Analyse: DN 34 betont den praktischen Imperativ. Es reicht nicht, die Yogas zu kennen (wie in DN 33); sie sind eine Aufgabe. Sie markieren das negative Ziel der Praxis: Das spirituelle Leben dient dazu, diese vier Lasten abzuwerfen. Die Sutta stellt damit eine direkte Verbindung zwischen der Diagnose (Yogas) und der Therapie (dem Pfad zur Entjochung) her.
- Link: https://suttacentral.net/dn34
- Erklärung: DN 34 – im Lehrreden-Verzeichnis.
Majjhima Nikāya (MN): Die Psychologie der Befreiung
Im Majjhima Nikāya wird die abstrakte Liste der Yogas mit psychologischem Leben gefüllt. Besonders hervorzuheben ist hier MN 2, die Sabbāsava-Sutta. Zwar verwendet diese Sutta primär den Begriff Āsava (Einflüsse/Trübungen), doch obwohl diese Sutta im Text drei Āsavas nennt (das vierte wird in der Systematik ergänzt), entspricht das Konzept inhaltlich den vier Yogas (und wird in den Kommentaren oft gleichgesetzt). Deshalb ist diese Sutta die wichtigste Anleitung zur Arbeit mit den Jochen.
1. Die Sabbāsava-Sutta (MN 2): „Alle Einflüsse“
Inhalt: Der Buddha lehrt hier sieben Methoden, um die Āsavas (und damit die Yogas) zu kontrollieren und zu vernichten. Diese Methoden zeigen, dass „Entjochung“ kein eindimensionaler Prozess ist, sondern Flexibilität im Geist erfordert.
Die sieben Methoden der Entjochung:
- Dassanā (Sehen): Das Joch der Ansichten (Diṭṭhiyoga) und Teile des Unwissens werden durch den „Ersteintritt in den Strom“ (Sotāpatti) überwunden. Dies geschieht durch das klare Sehen der Vier Edlen Wahrheiten und das Erkennen, dass Spekulationen über „War ich in der Vergangenheit?“ oder „Werde ich in der Zukunft sein?“ leidhaft sind.
- Saṃvarā (Zügeln): Das Joch der Sinnlichkeit (Kāmayoga) wird durch Sinneskontrolle geschwächt. Man hütet die Tore der Augen, Ohren usw., damit Gier und Trauer nicht in den Geist „einströmen“.
- Paṭisevanā (Gebrauch): Durch den weisen Gebrauch von Roben, Nahrung und Unterkunft (nur zum Zweck der Gesunderhaltung, nicht zum Genuss) wird verhindert, dass sich neue sinnliche Joche bilden.
- Adhivāsanā (Ertragen): Das Joch des Werdens (oft genährt durch Aversion gegen Unangenehmes) wird durch geduldiges Ertragen von Kälte, Hitze, Hunger und beschimpfenden Worten gelockert.
- Parivajjanā (Vermeiden): Man vermeidet gefährliche Situationen (wilde Tiere, schlechte Gesellschaft), die alte Joche reaktivieren könnten.
- Vinodanā (Entfernen): Aktives Vertreiben von aufgestiegenen Gedanken der Gier oder des Hasses.
- Bhāvanā (Entfalten): Die Entwicklung der sieben Erleuchtungsglieder (Bojjhaṅga) führt zur endgültigen Zerstörung des Avijjāyoga.
Relevanz: Für den Praktizierenden ist MN 2 unverzichtbar, da sie das Konzept der Yogas operationalisiert. Sie zeigt, dass man das „Joch der Ansichten“ durch intellektuelle Einsicht löst, aber das „Joch der Sinnlichkeit“ oft durch disziplinierte Zügelung und das „Joch des Unwissens“ durch meditative Kultivierung.
- Link: https://suttacentral.net/mn2
- Erklärung: MN 2 – im Lehrreden-Verzeichnis.
Teil III: Das Yoga-Sutta (AN 4.10) – Die primäre Definition
Die wichtigste Einzelquelle zur Definition der Yogas findet sich im Aṅguttara Nikāya, dem „Buch der Einser bis Elfer“. Das Yoga-Sutta (AN 4.10) ist der Locus Classicus, auf den sich fast alle späteren Exegesen stützen.
Struktur und Analyse von AN 4.10: Das Sutta ist dialektisch aufgebaut. Es stellt zunächst den Zustand des „Angejochtseins“ (Ayoga) dar und kontrastiert ihn dann mit dem Zustand der „Entjochung“ (Visaṃyoga), der oft als Yogakkhema bezeichnet wird.
Die Analyse-Matrix: Für jedes der vier Joche wendet der Buddha eine fünffache Analysematrix an. Man ist an ein Joch gebunden, wenn man fünf Aspekte des jeweiligen Objekts nicht versteht:
- Samudaya (Entstehung): Wie entsteht Sinnlichkeit/Werden/Ansicht? (Durch Ursachen und Bedingungen).
- Atthaṅgama (Vergehen): Dass diese Phänomene vergänglich sind und aufhören.
- Assāda (Genuss/Reiz): Was ist das Angenehme daran? (Der „Köder“).
- Ādīnava (Gefahr/Elend): Was ist die Kehrseite? (Veränderlichkeit, Leidhaftigkeit).
- Nissaraṇa (Entkommen): Wie entkommt man? (Durch das Aufgeben des Verlangens).
Beispiel Kāmayoga in AN 4.10:
„Und wie, ihr Mönche, ist man an das Joch der Sinnlichkeit gebunden? Da versteht jemand die Entstehung, das Vergehen, den Reiz, die Gefahr und das Entkommen in Bezug auf die Sinnesfreuden nicht der Wirklichkeit gemäß. Weil er dies nicht versteht, nistet sich in ihm – in Bezug auf Sinnesfreuden – sinnliche Gier, sinnliches Ergötzen, sinnliche Zuneigung, sinnlicher Rausch, sinnlicher Durst, sinnliches Fieber ein. Das nennt man das Joch der Sinnlichkeit.“
Diese Passage ist psychologisch brillant. Sie zeigt, dass das Joch nicht das Objekt selbst ist (der schöne Körper, der süße Klang), sondern die interne Reaktion (Rausch, Fieber, Durst), die aus der Unwissenheit über die wahre Natur des Objekts resultiert.
Der Zustand des Visaṃyoga (Die Entjochung): Das Sutta endet mit der Beschreibung des Arahant (des Erleuchteten). Dieser hat die fünf Aspekte durchschaut. Dadurch ist das sinnliche Fieber erloschen. Er ist „vom Joch gelöst“ (Visaṃyutto). Der Text schließt mit einem inspirierenden Vers: „Wer von den Jochen der Sinnlichkeit und des Werdens, von Ansichten und Unwissenheit völlig befreit ist, der hat den Tod besiegt, die Fesseln gesprengt, und trägt den letzten Körper, das Joch abgeworfen.“
Teil IV: Verwandte Konzepte und das semantische Feld
Um den Begriff Yoga vollständig zu durchdringen, muss er im Kontext seiner Synonyme betrachtet werden. Der Buddha nutzte verschiedene Metaphern, um unterschiedliche Aspekte derselben geistigen Verunreinigung zu beleuchten.
1. Āsava (Die Einflüsse / Gärstoffe)
Die vier Āsavas (Kāmāsava, Bhavāsava, Diṭṭhāsava, Avijjāsava) sind deckungsgleich mit den vier Yogas. Unterschied in der Metapher: Yoga betont die Beschränkung und die Last (statisch/mechanisch). Āsava betont das Einsickern oder Herausfließen (fluide/infektiös). Das Wort Āsava kann „Gärstoff“ (wie in Wein) oder „Eiterfluss“ bedeuten. Es suggeriert, dass diese Tendenzen den Geist „berauschen“ oder „vergiften“ und ihn faulen lassen. Zusammenspiel: Man könnte sagen: Weil der Geist von den Āsavas (Rauschmitteln) trunken ist, lässt er sich willig unter das Yoga (Joch) spannen.
2. Ogha (Die Fluten)
Die vier Oghas (Kāmogha, Bhavogha, Diṭṭhogha, Avijjāogha) sind ebenfalls identisch in der Klassifikation. Metapher: Ogha ist eine dynamische, gewaltsame Metapher. Eine Flut reißt jemanden mit, der keinen festen Stand hat. Nuance: Während Yoga die Situation der Gefangenschaft im Dasein beschreibt (man zieht den Karren), beschreibt Ogha den Übergang von einem Leben zum nächsten oder das Überwältigtwerden durch plötzliche Leidenschaft. Der „Strom des Daseins“ reißt das Individuum mit sich.
3. Gantha (Die Körperknoten)
In SN 45.174 werden die vier Ganthā erwähnt (Abhijjhā – Begierde, Byāpāda – Übelwollen, Sīlabbataparāmāsa – Hang zu Riten, Idaṃsaccābhinivesa (oft verkürzt Saccābhinivesa) – das dogmatische Beharren: „Nur dies ist wahr“). Unterschied: Gantha bedeutet „Knoten“. Es betont, wie Geist und Körper (Nāma-Rūpa) miteinander verknotet sind. Yogas sind eher die Zugkräfte, Ganthas die Verbindungsstellen.
| Begriff (Pāli) | Deutsche Übersetzung | Metaphorische Bedeutung | Psychologischer Fokus |
|---|---|---|---|
| Yoga | Joch / Anschirrung | Lasttier, an Karren gebunden | Knechtschaft, Unfreiheit, Zwang zur Wiederholung |
| Āsava | Einfluss / Gärstoff | Berauschender Trank / Eiter | Vergiftung, Trübung der Wahrnehmung, Sucht |
| Ogha | Flut / Strom | Reißender Fluss | Überwältigung, Mangel an Stabilität, Fortgerissenwerden |
| Saṃyojana | Fessel, Kette | – | Bindung an den Daseinskreislauf (technischere 10er-Liste) |
Teil V: Relevante Kapitel im Saṃyutta Nikāya (SN)
Der Saṃyutta Nikāya („Gruppierte Sammlung“) enthält spezifische Kapitel, die sich der Überwindung der Fluten und Joche widmen. Besonders die Magga-Saṃyutta (SN 45) und die Saḷāyatana-Saṃyutta (SN 35) sind hier relevant.
1. Die Ogha-Vagga (SN 45.171)
Im „Buch des Pfades“ (Magga-Vagga) gibt es eine Sektion, die oft als Ogha-Vagga bezeichnet wird (manchmal auch Teil der Ogha-Pañcaka). Hier finden sich kurze, prägnante Suttas, die den Edlen Achtfachen Pfad als das exklusive Mittel zur Lösung der Joche präsentieren.
SN 45.172 (Yoga-Sutta): Der Buddha erklärt: „Mönche, es gibt diese vier Joche. Welche vier? Um diese vier Joche voll zu erkennen (Abhiññāya), völlig zu verstehen (Pariññāya), völlig zu vernichten (Parikkhayāya) und aufzugeben (Pahānāya), ist dieser Edle Achtfache Pfad zu entfalten.“
Einsicht: Dieses Sutta ist technisch, aber essentiell. Es verknüpft die Diagnose (Yogas) direkt mit der Therapie (Achtfacher Pfad). Es gibt keinen anderen Weg, das Joch zu brechen, als die Kultivierung von Rechter Ansicht bis Rechter Sammlung.
2. Die Yogakkhemi-Vagga (SN 35.104–113)
Im Buch über die sechs Sinnesbereiche (Saḷāyatana) findet sich ein ganzes Kapitel mit dem Titel Yogakkhemi-Vagga („Das Kapitel über den, der Sicherheit vor dem Joch erlangt hat“).
Thema: Diese Suttas untersuchen, wie die Sicherheit vor dem Joch (Yogakkhema) im Kontext der Sinneswahrnehmung entsteht.
SN 35.113 (Upassuti-Sutta): Beschreibt, wie das „Zuhören“ (bzw. das Achten auf Sinnesreize) zur Entstehung von Leid führt und wie das Loslassen zur Sicherheit führt.
Yogakkhema als Nibbāna: Der Begriff Yogakkhema bezeichnet im Pāli-Kanon meist die höchste Sicherheit (Arahantschaft) und wird hier fast synonym mit Nibbāna verwendet. Es ist der Zustand, in dem die „Last abgeworfen“ (Ohitabharo) ist. Historisch gesehen deutet dies eine Umdeutung des vedischen Yoga-Kṣema (Erwerb und Erhalt von Besitz) zu einer spirituellen „Sicherheit durch Loslassen“ an.
Fazit: Die Befreiung vom Joch
Die Lehre von den vier Yogas ist mehr als eine alte Liste von Defekten; sie ist eine zeitlose Analyse der menschlichen Unfreiheit. Sie zeigt, dass wir nicht durch äußere Mächte, sondern durch unsere eigenen Reaktionen auf Sinnlichkeit (Kāma), unseren Drang nach Identität (Bhava), unsere fixierten Meinungen (Diṭṭhi) und unser grundlegendes Nichtverstehen (Avijjā) an das Leiden gekettet sind.
Das Bild des Jochs ist dabei von großer therapeutischer Kraft: Es impliziert, dass diese Last fremd ist. Sie ist nicht unser wahres Wesen, sondern etwas, das uns „angeschirrt“ wurde – und das folglich auch wieder „abgeschirrt“ (Visaṃyoga) werden kann. Der Weg des Buddha, der Edle Achtfache Pfad, ist somit keine Reise zu einem fernen Ziel, sondern der Prozess des Ablegens einer schweren Last, Schritt für Schritt, bis der Zustand des Yogakkhema – der unübertrefflichen Sicherheit und des Friedens – erreicht ist.
Referenzen & weiterführende Webseiten/Dokumente
Quellen, Suttas & Nachschlagewerke- Palikanon.com: Wörterbuch & Suttas – Die zentrale deutsche Referenz für Begriffsdefinitionen (Nyanatiloka) und vollständige Sutta-Übersetzungen.
- Theravāda-Netz: Glossar & Studienmaterial – Umfangreiche Sammlung mit Suchfunktion für spezifische Fachbegriffe und systematische Erklärungen.
- Alois Payer: Materialien zu den Grunderlehren – Eine „Fundgrube“ für sehr detaillierte, akademische Aufschlüsselungen buddhistischer Begriffe und Systematiken.
- Wikipedia: Portal Buddhismus – Enzyklopädischer Einstieg für Definitionen, Historie und Querverweise zu verwandten Konzepten.
- Akincano Marc Weber: Texte & Essays – Tiefenpsychologische und philologische Analysen zentraler buddhistischer Schlüsselbegriffe.
- Fred von Allmen: Dharma-Texte & Artikel – Schriftliche Studien zur Klärung zentraler Aspekte des Pfades und deren praktischer Anwendung.
- Forest Sangha: Publikationen der Waldtradition – Veröffentlichungen (u.a. Ajahn Chah, Ajahn Sumedho), die Begriffe oft sehr lebensnah und direkt erklären.
- Suttanta-Gemeinschaft: Online-Bibliothek – E-Books und Schriften zur systematischen Aufschlüsselung der Lehrreden und Konzepte.
- Dhamma Dana: Buchprojekt (BGM) – Kostenlose Literatur, die buddhistische Grundbegriffe und Praxisanleitungen umfassend behandelt.
- BuddhasLehre: Audio- & Videothek – Traditionsübergreifende Sammlung, hilfreich um unterschiedliche Auslegungen von Begriffen kennenzulernen.
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