Hiri und Ottappa: Die moralischen Wächter der Welt – Eine umfassende Exegese der psychologischen Ethik im Pāli-Kanon
Die ethische Grundlegung der buddhistischen Psychologie
Inhaltsverzeichnis
- Philologische und Psychologische Begriffsbestimmung
- Die kosmische Dimension: Die Wächter der Welt im Aṅguttara Nikāya (AN)
- Die Integration in den Übungsweg: Majjhima Nikāya (MN)
- Systematische Einordnung im Dīgha Nikāya (DN)
- Psychologische Poesie im Khuddaka Nikāya: Das Dhammapada
- Zugehörige Begriffe und Gesamtkonzepte
- Zusammenfassung
- Referenzen & weiterführende Webseiten/Dokumente
Die buddhistische Lehre, wie sie im Tipiṭaka (dem Pāli-Kanon) der Theravāda-Tradition überliefert ist, unterscheidet sich fundamental von vielen theistischen (Gotteswille) oder deontologischen (Pflicht) Ethiksystemen. Anstatt Gebote zu postulieren, die von einer externen Gottheit auferlegt werden, analysiert der Buddha die menschliche Psyche (Citta) und identifiziert spezifische mentale Faktoren (Cetasika), die entweder zu Leid (Dukkha) oder zur Befreiung (Vimutti) führen.
Im Zentrum dieser psychologischen Ethik stehen zwei Begriffe, die oft als Zwillingspaar auftreten und deren Bedeutung für das individuelle Heil sowie den gesellschaftlichen Zusammenhalt kaum überschätzt werden kann: Hiri und Ottappa. Diese beiden Begriffe, oft unzureichend als „Scham“ und „Furcht“ übersetzt, bilden das Fundament der Sittlichkeit (Sīla). Sie fungieren als emotionale und kognitive Wächter, die den Geist vor dem Eintritt in unheilsame Zustände (Akusala Dhamma) bewahren.
In der buddhistischen Kosmologie werden sie sogar als Lokapāla – die Wächter der Welt – bezeichnet, da ihre Abwesenheit nicht nur individuelles karmisches Unglück, sondern den Zusammenbruch der zivilisatorischen Ordnung zur Folge hätte. Dieser Bericht bietet eine erschöpfende Analyse dieser Konzepte. Er untersucht ihre philologischen Wurzeln, ihre differenzierten Definitionen in den Suttas und Kommentaren sowie ihre spezifische Behandlung in den vier Hauptsammlungen (Nikāyas). Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der praktischen Relevanz für den sich übenden Laien, der diese alten Begriffe in einen modernen Kontext der Geistesentwicklung integrieren möchte.
Philologische und Psychologische Begriffsbestimmung
Um die Tiefe der buddhistischen Ethik zu verstehen, muss man sich von den modernen westlichen Konnotationen der Begriffe „Scham“ (oft als pathologisch oder toxisch verstanden) und „Angst“ (als neurotisch verstanden) lösen. Im Pāli-Kontext bezeichnen Hiri und Ottappa heilsame, notwendige und hochentwickelte Geisteszustände.
Hiri: Die innere Instanz (Moralische Scham)
Der Begriff Hiri leitet sich etymologisch von Wurzeln ab, die das Erröten oder das Zurückschrecken vor etwas Unwürdigem implizieren. Es ist eine innenorientierte Regung (ajjhatta-samuṭṭhāna). Hiri entsteht aus der Reflexion auf die eigene Würde, die eigene Herkunft, Bildung oder den spirituellen Status. Es ist das Gefühl der Selbstachtung, das sagt: „Ein Mensch wie ich tut so etwas nicht“.
Hiri ist vergleichbar mit dem Gewissen, jedoch spezifischer auf das Selbstbild bezogen. Wenn ein Mensch versucht ist, eine Lüge zu erzählen oder ein Lebewesen zu töten, und dann innehält, weil er spürt, dass diese Handlung seiner eigenen Integrität schaden würde, dann ist dies das Wirken von Hiri. Es basiert auf Gārava (Respekt) vor sich selbst. Ein Mensch mit starkem Hiri empfindet Abscheu (Jigucchā) gegenüber dem Bösen, ähnlich wie eine reinliche Person Abscheu davor empfindet, in Schmutz zu greifen.
Ottappa: Die äußere Instanz (Moralische Scheu)
Im Gegensatz dazu ist Ottappa (oft übersetzt als moralische Scheu, Gewissensangst oder Furcht vor dem Unheilsamen) außenorientiert (bahiddhā-samuṭṭhāna). Es basiert auf dem Verständnis von Kausalität und Konsequenzen. Ottappa ist die weise Furcht vor den Folgen einer Tat. Diese Folgen können vielfältiger Natur sein:
- Selbstvorwurf: Die Angst, sich später selbst beschuldigen zu müssen (Attānuvāda-bhaya).
- Tadel durch andere: Die Furcht, von Weisen oder der Gemeinschaft kritisiert zu werden (Parānuvāda-bhaya).
- Weltliche Bestrafung: Angst vor dem Gesetz (Daṇḍa-bhaya).
- Karmische Konsequenzen: Die Furcht vor einer schlechten Wiedergeburt in leidvollen Daseinsbereichen (Duggati-bhaya).
Ottappa ist nicht zu verwechseln mit Panik oder irrationaler Angst. Es ist eher mit der Vorsicht zu vergleichen, die man walten lässt, wenn man eine giftige Schlange sieht oder am Rand eines Abgrunds steht. Es ist eine schützende Intelligenz, die Gefahr erkennt und vermeidet.
Das Gleichnis vom Eisenstab: Die Differenzierung in den Kommentaren
Die klassischen Kommentare, insbesondere Buddhaghosas Visuddhimagga und die Aṭṭhasālinī, verdeutlichen den subtilen Unterschied zwischen diesen beiden mentalen Faktoren mit dem berühmten Gleichnis vom Eisenstab. Dieses Bild ist essenziell, um die emotionale Qualität der beiden Begriffe zu unterscheiden.
| Aspekt | Hiri (Scham) | Ottappa (Scheu) |
|---|---|---|
| Gleichnis-Element | Das mit Exkrementen beschmierte Ende des Eisenstabs. | Das glühend heiße Ende des Eisenstabs. |
| Reaktion | Man greift es nicht an aus Ekel und Abscheu vor der Unreinheit. | Man greift es nicht an aus Furcht vor den Schmerzen der Verbrennung. |
| Motivation | Subjektiv / Innen: „Es ist unter meiner Würde.“ | Objektiv / Außen: „Es ist gefährlich und bringt Leid.“ |
| Dominante Emotion | Abscheu vor der Tat an sich. | Furcht vor dem Resultat der Tat. |
Dieses Gleichnis illustriert, dass beide Faktoren zum selben Ergebnis führen – dem Unterlassen des Unheilsamen (Pāpa) – aber durch unterschiedliche emotionale Kanäle wirken. Sie ergänzen sich gegenseitig: Wo der Ekel vor der Tat nicht ausreicht, mag die Furcht vor der Strafe greifen und umgekehrt.
Die kosmische Dimension: Die Wächter der Welt im Aṅguttara Nikāya (AN)
Das Aṅguttara Nikāya, die Sammlung der angereihten Lehrreden, ordnet die Lehren numerisch. Hier finden wir die wohl prägnanteste und soziologisch bedeutsamste Definition von Hiri und Ottappa.
AN 2.9: Das Lokapāla Sutta (Die Wächter der Welt)
In dieser Lehrrede im Duka Nipāta (Buch der Zweier) erhebt der Buddha Hiri und Ottappa über die Ebene der bloßen persönlichen Tugend hinaus und weist ihnen die Rolle der Zivilisationserhalter zu.
Inhaltliche Analyse: Der Buddha erklärt den Mönchen: „Zwei helle Dinge (Sukka Dhamma), ihr Mönche, schützen die Welt. Welche zwei? Scham (Hiri) und Scheu (Ottappa).“
Die Argumentation des Buddha ist hier tiefgründig soziologisch. Er führt ein Gedankenexperiment durch: Was würde geschehen, wenn diese zwei Faktoren nicht existierten?
„Wenn, ihr Mönche, diese zwei hellen Dinge die Welt nicht schützten, dann gäbe es kein Erkennen von Mutter, Tante, der Gattin des Lehrers oder der Gattin des Gurus. Die Welt würde in wahlloser Promiskuität versinken (sambheda), genau wie bei Ziegen, Schafen, Hühnern, Schweinen, Hunden und Schakalen.“
Interpretation: Diese Passage zeigt, dass der Buddha die menschliche Kultur nicht als selbstverständlich ansieht. Der Unterschied zwischen der menschlichen Gesellschaft und dem Tierreich ist nicht primär Intelligenz oder Werkzeuggebrauch, sondern die ethische Hemmung. Hiri bewahrt die familiären und sozialen Respektstrukturen (Inzesttabu, Respekt vor Älteren), indem es ein inneres Gefühl für „Das gehört sich nicht“ etabliert. Ottappa verhindert Übergriffe durch die Antizipation sozialer und karmischer Konsequenzen. Ohne diese „Wächter“ würde der Mensch von seinen basalen Trieben (Lobha – Gier, Moha – Verblendung) gesteuert werden, was zum sofortigen Kollaps der sozialen Ordnung führen würde. Hiri und Ottappa sind also die Garanten der Zivilisation.
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AN 7.65: Die Kausalkette der Zerstörung
Ein weiteres wichtiges Sutta im Aṅguttara Nikāya (oft im Kontext der „Sieben Dinge“ diskutiert) zeigt die strukturelle Notwendigkeit von Hiri und Ottappa für den spirituellen Pfad. Der Buddha erklärt eine Kausalkette des Verfalls:
- Wenn Hiri und Ottappa fehlen (Hirottappe asati),
- dann ist die Sinneskontrolle (Indriya-saṃvara) zerstört.
- Wenn die Sinneskontrolle fehlt, ist die Sittlichkeit (Sīla) zerstört.
- Wenn die Sittlichkeit fehlt, ist die Rechte Sammlung (Sammā-samādhi) zerstört.
- Wenn die Sammlung fehlt, ist das Wissen und Schauen (Yathābhūtañāṇadassana) zerstört.
Dies verdeutlicht, dass Hiri und Ottappa nicht nur für das weltliche Zusammenleben wichtig sind, sondern das Fundament der gesamten meditativen Praxis bilden. Ohne das moralische Fundament kann keine tiefe Konzentration entstehen, da der Geist durch Reue (Kukkucca) und Unruhe (Uddhacca) gestört wird.
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Die Integration in den Übungsweg: Majjhima Nikāya (MN)
Im Majjhima Nikāya, der Mittleren Sammlung, finden wir detaillierte Anweisungen zur Praxis. Hier werden Hiri und Ottappa nicht nur theoretisch definiert, sondern als konkrete, erste Schritte im Leben eines Asketen (Samaṇa) beschrieben.
MN 39: Mahā-Assapura Sutta (Die große Lehrrede bei Assapura)
Diese Lehrrede ist eine der umfassendsten Darstellungen des „stufenweisen Trainings“ (Anupubba-sikkhā). Der Buddha konfrontiert die Mönche mit ihrer Identität. Die Menschen nennen sie „Asketen“ (Samaṇa). Er fragt: Welche Eigenschaften müsst ihr entwickeln, um diesen Namen zu Recht zu tragen?
Die Liste der Pflichten beginnt direkt mit Hiri und Ottappa. „Wir wollen mit Schamgefühl (Hiri) und moralischer Scheu (Ottappa) ausgestattet sein. So sollt ihr euch üben.“ Das Sutta betont, dass Hiri und Ottappa die Eintrittskarten in das heilige Leben sind.
Aber der Buddha gibt eine entscheidende Warnung, die oft übersehen wird: Die Gefahr der Stagnation. „Es mag sein, ihr Mönche, dass ihr denkt: ‚Wir besitzen Hiri und Ottappa. Das ist genug. Wir haben das Ziel des Asketentums erreicht.‘ Und ihr könntet euch damit zufrieden geben. Ich mache euch kund, ihr Mönche, ich warne euch: Lasst das Ziel des Asketentums nicht entgleiten, da noch mehr zu tun ist!“
Nachdem Hiri und Ottappa etabliert sind, muss der Praktizierende weitergehen:
- Reinheit des körperlichen Wandels.
- Reinheit des sprachlichen Wandels.
- Reinheit des gedanklichen Wandels.
- Reinheit des Lebensunterhalts.
- Zügelung der Sinnestore.
- Mäßigung beim Essen.
- Wachsamkeit (Jāgariya).
- Achtsamkeit und Wissensklarheit (Sati-Sampajañña).
- Überwindung der fünf Hindernisse (Nīvaraṇa).
- Eintritt in die vier Vertiefungen (Jhāna).
- Erreichung der Einsicht und Befreiung.
MN 39 zeigt uns, dass Hiri und Ottappa zwar unverzichtbar, aber nicht hinreichend für die Erleuchtung sind. Sie schaffen den sicheren Raum, in dem die feinere Arbeit der Meditation stattfinden kann. Ohne sie ist der Geist zu grob; bleibt man jedoch bei ihnen stehen, wird man lediglich ein moralisch integrer Mensch, erreicht aber nicht das Ende des Leidens (Dukkha).
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MN 6: Ākaṅkheyya Sutta (Wenn einer wünschen möge)
Diese Lehrrede verknüpft Hiri und Ottappa mit der Erfüllung spiritueller Aspirationen. Der Buddha listet diverse Wünsche auf, die ein Mönch hegen könnte – von „Möge ich meinen Mitmönchen lieb und angenehm sein“ bis hin zu „Möge ich die Triebe vernichten“. Für all diese Wünsche gibt es eine universelle Voraussetzung.
Der Buddha sagt: „Ein Mönch soll vollkommen in der Sittlichkeit sein […] und in den kleinsten Vergehen Gefahr sehen (anumattesu vajjesu bhayadassāvī).“
Obwohl das Wort „Ottappa“ hier im Einleitungssatz nicht explizit fällt, ist der Ausdruck „in den kleinsten Vergehen Gefahr sehen“ die klassische, funktionale Definition von Ottappa. Es beschreibt die Feinjustierung des Gewissens. Ein Geist mit grobem Ottappa vermeidet vielleicht Mord und Diebstahl. Ein Geist mit feinem Ottappa (wie in MN 6 gefordert) sieht bereits in einer kleinen Unachtsamkeit oder einem harschen Wort eine Gefahr, weil er die karmischen Wellen (Auswirkungen) versteht, die auch kleine Taten auslösen. Dieses Sutta lehrt, dass die Erfüllung jedes Wunsches auf der Basis einer durch Ottappa geschärften Ethik ruht.
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Systematische Einordnung im Dīgha Nikāya (DN)
Im Dīgha Nikāya, der Sammlung der langen Lehrreden, werden Hiri und Ottappa oft in listenartigen Kompendien aufgeführt. Diese Suttas dienten der Mündlichen Überlieferung und Systematisierung der Lehre.
DN 33: Saṅgīti Sutta (Das Chor-Sutta)
Im Abschnitt der Zweier-Gruppen (Duka) werden Hiri und Ottappa als Paar aufgeführt: „Zwei Dinge (Dhammas): Scham (Hiri) und Scheu (Ottappa).“ Parallel dazu werden ihre Gegenspieler genannt: „Zwei Dinge: Schamlosigkeit (Ahirika) und Gewissenlosigkeit (Anottappa).“
Die Aufnahme in das Saṅgīti Sutta verleiht Hiri und Ottappa den Status von „Dhammas“, also fundamentalen Realitäten der Existenz, die bewahrt und gelehrt werden müssen. Sie sind Teil des „Abhidhamma-Matrix“-Vorläufers.
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DN 34: Dasuttara Sutta (Die Zehner-Reihe)
Ähnlich wie DN 33 ist dies eine strukturierte Liste. Hier wird jedoch ein spezifischer Aspekt betont: Die Anwendung von Hiri und Ottappa im sozialen Kontext der Mönchsgemeinde (Saṅgha). Das Sutta erwähnt, dass ein Mönch „scharfe Scham und Scheu“ (tibbā hiri-ottappa) gegenüber dem Lehrer, den Älteren und den Mitmönchen entwickeln soll. Dies ist entscheidend für die Harmonie in der Gemeinschaft. Hiri und Ottappa sind hier nicht nur abstrakte moralische Prinzipien, sondern Ausdruck von Respekt und hierarchischer Achtung, die das Lernen erst ermöglichen. Ein Schüler ohne Hiri vor dem Lehrer wird dessen Korrekturen nicht annehmen.
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Psychologische Poesie im Khuddaka Nikāya: Das Dhammapada
Obwohl Hiri und Ottappa in vielen systematischen Listen auftauchen, finden sie ihre eindrücklichste Darstellung in den poetischen Versen des Dhammapada. Hier wird die moralische Sensibilität nicht trocken definiert, sondern durch kraftvolle Bilder veranschaulicht.
Dhammapada 143: Das edle Pferd
Dieses kurze, aber poetisch kraftvolle Sutta befindet sich im Devatā Saṃyutta (Kapitel der Gottheiten). Eine Gottheit fragt den Buddha in einem Vers: „Wer in der Welt ist ein Mann, der durch Scham (Hiri) gezügelt wird? Wer schreckt vor Tadel zurück wie ein edles Pferd vor der Peitsche?“
Der Buddha antwortet: „Wenige sind es, die durch Scham gezügelt, stets achtsam leben. Die das Ende des Leidens erreicht haben, gehen gleichmäßig durch das Ungleichmäßige.“
Das Bild des „edlen Pferdes“ (bhadro asso) ist tiefgründig. Im Pāli-Kanon werden vier Arten von Pferden unterschieden:
- Das Pferd, das sich bewegt, wenn es den Schatten der Peitsche sieht.
- Das Pferd, das sich bewegt, wenn die Peitsche das Fell berührt.
- Das Pferd, das sich bewegt, wenn durch die Peitsche das Fleisch getroffen wird.
- Das Pferd, das sich erst bewegt, wenn der Knochen getroffen wird.
Ein Praktizierender mit voll entwickeltem Hiri und Ottappa entspricht dem ersten Pferd. Er wartet nicht auf die grobe Bestrafung oder das karmische Desaster. Er sieht den „Schatten der Peitsche“ (die bloße Möglichkeit von Tadel oder Unheilsamkeit) und korrigiert seinen Kurs sofort. Hiri ist hier die Hochsensibilität des Gewissens, die präventiv wirkt.
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Zugehörige Begriffe und Gesamtkonzepte
Hiri und Ottappa stehen nicht isoliert. Sie sind Teil größerer konzeptioneller Gruppen, die für das Verständnis der buddhistischen Geistesschulung essenziell sind.
Die Gegner: Ahirika und Anottappa
Jeder heilsame Faktor hat einen unheilsamen Gegenspieler. Das Verständnis der Gegner schärft das Verständnis der Tugend.
Ahirika (Schamlosigkeit): Dies ist der Zustand, in dem der innere Ekel vor dem Bösen fehlt. Eine Person mit Ahirika begeht Unrecht ohne inneren Konflikt. Die Kommentare vergleichen dies mit einem „Dorfschwein“, das Kot frisst, ohne Ekel zu empfinden. Es fehlt die Selbstachtung.
Anottappa (Gewissenlosigkeit/Furchtlosigkeit): Dies ist das Fehlen der Angst vor Konsequenzen. Die Person ist „hart“ geworden gegenüber dem Risiko von schlechtem Kamma. Das Gleichnis hier ist die „Motte, die ins Feuer fliegt“. Sie sieht das Licht (das Vergnügen der Sinneslust), ignoriert aber die Verbrennung (das karmische Leid). Diese beiden gelten als die „Wurzeln“ vieler weiterer Verblendungen.
Integration in die Fähigkeiten (Indriya) und Kräfte (Bala)
Im Indriya Saṃyutta (SN 48) und Bala Saṃyutta (SN 50) werden Hiri und Ottappa oft als unterstützende Faktoren oder direkte Erweiterungen der klassischen fünf Fähigkeiten (Vertrauen, Energie, Achtsamkeit, Sammlung, Weisheit) genannt. Manchmal spricht der Kanon von den Sieben Kräften (Satta Bala), wobei Hiri und Ottappa als Nummer 6 und 7 hinzugefügt werden:
- Saddhā (Vertrauen)
- Viriya (Energie)
- Sati (Achtsamkeit)
- Samādhi (Sammlung)
- Paññā (Weisheit)
- Hiri (Scham)
- Ottappa (Scheu)
Als „Kräfte“ (Bala) bezeichnet, sind sie unerschütterlich. Ein Anfänger mag Scham empfinden, die wankelmütig ist. Ein Arahant (Erleuchteter) oder weit Fortgeschrittener besitzt Hiri und Ottappa als unerschütterliche Kraft – es wird für ihn unmöglich, absichtlich eine moralische Übertretung zu begehen.
Die Trias: Sīla, Samādhi, Paññā
Hiri und Ottappa werden oft als die „nächste Ursache“ (Padatthāna) für Sīla (Sittlichkeit) bezeichnet. Ohne Hiri/Ottappa gibt es kein Sīla. Ohne Sīla gibt es kein Samādhi (Sammlung). Ohne Samādhi gibt es keine Paññā (Weisheit). Somit sind Hiri und Ottappa die Wurzeln des Baumes der Erleuchtung.
Zusammenfassung
Für den Praktizierenden sind Hiri und Ottappa weit mehr als moralinsaure Begriffe einer alten Religion. Sie repräsentieren ein psychologisches Schutzsystem. Hiri (Selbstachtung) ist der innere Kompass, der uns davor bewahrt, unser eigenes Potenzial durch unwürdiges Handeln zu verraten. Ottappa (Verantwortungsbewusstsein) ist der Realitätssinn, der die kausalen Zusammenhänge von Handeln und Leiden anerkennt. Zusammen bilden sie die Lokapāla, die Wächter, die sowohl die Gesellschaft vor dem Chaos als auch den individuellen Geist vor dem Abstieg in leidvolle Zustände bewahren. Wer diese Eigenschaften kultiviert, baut das Fundament, auf dem Achtsamkeit und Weisheit sicher stehen können.
Lade diese beiden ‚Wächter der Welt‘ ein, auch zu den Wächtern deines eigenen Herzens zu werden, und entdecke die unerschütterliche Würde und Sicherheit, die aus einem geschützten Geist erwächst.
Referenzen & weiterführende Webseiten/Dokumente
Quellen, Suttas & Nachschlagewerke- Palikanon.com: Wörterbuch & Suttas – Die zentrale deutsche Referenz für Begriffsdefinitionen (Nyanatiloka) und vollständige Sutta-Übersetzungen.
- Theravāda-Netz: Glossar & Studienmaterial – Umfangreiche Sammlung mit Suchfunktion für spezifische Fachbegriffe und systematische Erklärungen.
- Alois Payer: Materialien zu den Grunderlehren – Eine „Fundgrube“ für sehr detaillierte, akademische Aufschlüsselungen buddhistischer Begriffe und Systematiken.
- Wikipedia: Portal Buddhismus – Enzyklopädischer Einstieg für Definitionen, Historie und Querverweise zu verwandten Konzepten.
- Akincano Marc Weber: Texte & Essays – Tiefenpsychologische und philologische Analysen zentraler buddhistischer Schlüsselbegriffe.
- Fred von Allmen: Dharma-Texte & Artikel – Schriftliche Studien zur Klärung zentraler Aspekte des Pfades und deren praktischer Anwendung.
- Forest Sangha: Publikationen der Waldtradition – Veröffentlichungen (u.a. Ajahn Chah, Ajahn Sumedho), die Begriffe oft sehr lebensnah und direkt erklären.
- Suttanta-Gemeinschaft: Online-Bibliothek – E-Books und Schriften zur systematischen Aufschlüsselung der Lehrreden und Konzepte.
- Dhamma Dana: Buchprojekt (BGM) – Kostenlose Literatur, die buddhistische Grundbegriffe und Praxisanleitungen umfassend behandelt.
- BuddhasLehre: Audio- & Videothek – Traditionsübergreifende Sammlung, hilfreich um unterschiedliche Auslegungen von Begriffen kennenzulernen.
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