Das ist halt mein Karma

👤 Von Ronald Mayrhofer  |  ⏱️ Ca. 6 Min. Lesezeit

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„Das ist halt mein Kamma (skr. Karma)“ – Die Gefahr des spirituellen Fatalismus

Ein Mensch wird krank, verliert die Arbeit, erlebt Gewalt – und jemand kommentiert: „Das war wohl sein Kamma (skr. Karma).“ Der Satz klingt fromm, fast tröstlich, und beruft sich scheinbar auf eine zentrale buddhistische Lehre. Tatsächlich widerspricht er ihr direkt. In einem kurzen, aber folgenreichen Gespräch mit dem Wanderasketen Moḷiyasīvaka weist der Buddha genau diese Sichtweise als falsch zurück – mit einer Präzision, die bis heute gegen spirituell verbrämtes Opferbeschuldigen (Victim Blaming) ins Feld geführt werden kann.


1. Die Szene: Eine Frage nach der Wurzel allen Erlebens

Der Ort ist vertraut aus vielen Lehrreden: der Bambushain bei Rājagaha. Dort tritt der Wanderasket Moḷiyasīvaka an den Buddha heran und schildert ihm eine Lehrmeinung, die zu seiner Zeit unter manchen Asketen und Brahmanen verbreitet war: Alles, was ein Mensch erlebt – angenehm, unangenehm oder neutral – sei ausschließlich Frucht früherer Taten. Diese strikt deterministische Kamma-Auffassung (Pubbekatahetu-diṭṭhi) wird in anderen Lehrreden, etwa dem Devadaha Sutta (MN 101), ausdrücklich jainistischen Kreisen zugeschrieben. Moḷiyasīvaka will wissen: Was hält der Buddha davon?

2. Acht Ursachen statt einer

Die Antwort des Buddha ist eine nüchterne Aufzählung. Manche Gefühle, sagt er, entstehen aus einem Ungleichgewicht der Galle. Andere aus einem Ungleichgewicht des Schleims. Wieder andere aus einem Ungleichgewicht des Windes – Kategorien, die der antiken indischen Medizin seiner Zeit entstammen. Weitere Gefühle entstehen aus dem Zusammenwirken dieser drei Faktoren, aus einem Wechsel der Jahreszeit oder des Klimas, aus unachtsamem eigenem Verhalten, aus einer Verletzung oder einem Angriff durch andere – und erst an achter und letzter Stelle: als Frucht (Vipāka) früherer Taten.

Zu jeder dieser acht Ursachen wiederholt der Buddha denselben Refrain: Dass Gefühle so entstehen können, lasse sich an sich selbst erkennen, und auch in der Welt gelte dies als wahr. Wer nun behaupte, alles Erlebte sei allein Kamma-Frucht, der überschreite damit sowohl die eigene Erfahrung als auch das, was in der Welt als zutreffend anerkannt ist. Genau das, so der Buddha unmissverständlich, mache die Ansicht jener Asketen und Brahmanen falsch.

3. Was die acht Ursachen konkret bedeuten

Die Liste ist keine willkürliche Aufzählung, sondern folgt einer erkennbaren Logik: Die ersten vier Kategorien (Galle, Schleim, Wind, deren Zusammenwirken) entsprechen der humoralpathologischen Medizin der Zeit – körperliche Beschwerden, die man behandelt, nicht spirituell wegerklärt. Klimatische Einflüsse sind offensichtlich äußere Naturfaktoren. Unachtsames eigenes Verhalten – etwa Überanstrengung oder eine ungesunde Lebensweise – verweist auf gegenwärtige Nachlässigkeit, nicht auf eine vergangene Existenz. Und die vorletzte Kategorie, Verletzung oder Angriff durch andere (Opakkamikāni), benennt ausdrücklich Gewalt und Schädigung durch eine andere Person als eigenständige, nicht-kammische Ursache im Hier und Jetzt.

4. Kamma wirkt – aber nicht als Käfig

Damit ist Kamma nicht aus der Welt geschafft; es bleibt die achte, reale Ursache unter mehreren. Doch auch dort, wo alte Kamma-Frucht tatsächlich beteiligt ist, beschreibt der frühe Buddhismus sie nicht als unabänderliches Schicksal. Andere Lehrreden – etwa das Gleichnis vom Salzkorn (AN 3.99) – zeigen, dass dieselbe Menge an Unheilsamem in einem engen, unentwickelten Geist schwer wiegt, in einem weiten, gut kultivierten Geist dagegen kaum ins Gewicht fällt, ähnlich wie eine Handvoll Salz ein kleines Glas Wasser ungenießbar macht, in einem großen Fluss aber spurlos untergeht. Vergangene Taten setzen Bedingungen, sie diktieren kein festgelegtes Ergebnis. Genau das eröffnet den Übungsweg: Wäre alles Erleben starr vorherbestimmt, gäbe es nichts mehr zu üben.

Warum der Buddha auf dieser Unterscheidung besteht

An mehreren Stellen des Kanons, etwa im Titthāyatana Sutta (AN 3.61), kritisiert der Buddha den strikten Kamma-Determinismus grundsätzlich: Wer glaubt, alles sei allein durch früheres Handeln festgelegt, dem fehlt jeder Ansporn zu sagen „das sollte getan werden, das nicht“ – Anstrengung und Willenskraft (Chanda, Viriya) verlieren ihren Sinn. Determinismus untergräbt damit nicht nur die Erklärung von Leid, sondern die ethische Verantwortung selbst.

5. Warum das keine akademische Feinheit ist: Die Gefahr des Opferbeschuldigens

Die Konsequenz des Sīvaka Sutta reicht weit über die Textexegese hinaus. Wird Leid pauschal als „eigenes Kamma“ gedeutet, entsteht leicht eine stille Logik: Wer leidet, hat es sich irgendwie verdient; wer Opfer von Krankheit, Armut, Unfall oder Gewalt wird, trägt selbst – wenn auch in einem früheren Leben – die letzte Verantwortung dafür. Diese Haltung kann echtes Mitgefühl ersetzen durch distanzierte Erklärung, kann medizinische, soziale oder rechtliche Hilfe für überflüssig erklären und kann Zuschauende von der Pflicht entbinden, überhaupt einzugreifen. Der Buddha widerspricht dem an dieser Stelle ausdrücklich und konkret: Eine Verletzung durch fremde Hand ist eine eigene, im Jetzt wirksame Ursache – keine verschlüsselte Kamma-Rechnung, die man nur zu akzeptieren hätte.

6. Die angemessene Haltung: Ursachen prüfen statt Fatalismus üben

Die im frühen Buddhismus angelegte Reaktion auf Leid ist nicht die pauschale Zuschreibung an vergangenes Handeln, sondern die kluge Untersuchung der tatsächlich wirksamen Ursachen (Yoniso Manasikāra) – medizinisch bei Krankheit, praktisch bei Nachlässigkeit, zwischenmenschlich und gegebenenfalls rechtlich bei zugefügtem Schaden. Kamma bleibt dabei relevant, aber als eine von mehreren Erklärungsebenen, nicht als Ersatz für Arznei, Fürsorge oder Gerechtigkeit.

Sīvaka Sutta (SN 36.21) im Überblick

  • Frage: Ist alles Erleben – angenehm, unangenehm, neutral – ausschließlich Frucht früherer Taten?
  • Antwort des Buddha: Nein. Acht mögliche Ursachen werden genannt, Kamma ist nur eine davon (die achte).
  • Die acht Ursachen: Galle, Schleim, Wind, deren Zusammenwirken, Klimawechsel, unachtsames eigenes Verhalten, Verletzung durch andere, Kamma-Frucht.
  • Konsequenz: Wer alles Leid pauschal auf Kamma zurückführt, überschreitet eigene Erfahrung und weltliches Wissen – und begeht damit eine falsche Ansicht.

Mögest du die wahren Ursachen deiner Erfahrungen klar erkennen und heilsame Bedingungen für die Zukunft setzen, anstatt dich einem vermeintlichen Schicksal auszuliefern.

Quelle und Weiterlesen: Der vollständige Text des Sīvaka Sutta (SN 36.21) ist auf SuttaCentral nachzulesen. Zur vertiefenden Betrachtung von Kamma als bedingendem, jedoch nicht deterministischem Faktor dienen die Artikel „Handlung (Kamma)“ und „Kamma, Wille & Schicksal“. Praktische Ansätze für körperliches und seelisches Leiden bietet der Beitrag Umgang mit Krankheit, und warum weder Fatalismus noch Allmachtsglaube trägt, beleuchtet Die Illusion der Kontrolle.