Umgang mit Krankheit

👤 Von Ronald Mayrhofer  |  ⏱️ Ca. 10 Min. Lesezeit

Umgang mit Krankheit: Ursachen, Praxis und Fürsorge

Dieser Artikel basiert auf Ausarbeitungen von Raimund Hopf, dem Betreiber der Website suttanta.de, einer Plattform für die Übersetzung und Aufbereitung buddhistischer Lehrreden. Ein Dank geht an ihn für die Bereitstellung des Materials, das die Grundlage dieses Textes bildet.

Die frühen buddhistischen Texte behandeln Krankheit nicht nur als körperliches Geschehen. Byādhi – Krankheit, Krankwerden, Beschwerden und körperliche Schwäche – gehört zum bedingten Dasein und damit auch zum Bereich von Dukkha. Zugleich zeigen die Lehrreden, wie Krankheit zur Betrachtung der Vergänglichkeit, zur geistigen Übung und zur Entwicklung von Mitgefühl und Fürsorge werden kann.

Dabei ist eine wichtige Unterscheidung zu beachten: Körperlicher Schmerz und geistige Bedrängnis sind nicht dasselbe. Der Körper kann krank sein, ohne dass der Geist zwangsläufig in gleicher Weise von Leiden überwältigt wird.


1. Krankheit als Bestandteil des bedingten Daseins

Im Dhammacakkappavattana-Sutta (SN 56.11) nennt der Buddha Geburt, Altern, Krankheit und Tod ausdrücklich als Aspekte von Dukkha. Krankheit ist damit keine außergewöhnliche Abweichung vom normalen Leben, sondern gehört zu den Bedingungen des nicht erwachten Daseins.

In AN 5.57 gehört die Betrachtung der eigenen Krankheitsanfälligkeit zu den fünf Tatsachen, die regelmäßig vergegenwärtigt werden sollen:

„Ich bin der Krankheit unterworfen, ich bin nicht über die Krankheit hinausgegangen.“

Der Sinn dieser Betrachtung besteht nicht darin, Angst zu erzeugen. Sie soll vielmehr den Dünkel der Gesundheit (ārogya-mada) überwinden. Wer sich nicht mehr für grundsätzlich von Krankheit ausgenommen hält, erkennt, dass Gesundheit kein dauerhaft gesicherter Zustand ist.

Krankheit erscheint in den Lehrreden außerdem als einer der „göttlichen Boten“ (Devadūta). Die Begegnung mit einem kranken Menschen soll daran erinnern, dass auch man selbst der Krankheit unterworfen ist und deshalb die Gelegenheit zu heilsamem Handeln nicht durch Nachlässigkeit versäumen sollte.


2. Krankheit als Gegenstand der Achtsamkeit

In den Lehrreden erscheint Krankheit auch als Gegenstand der Satipaṭṭhāna-Betrachtung. Der Praktizierende soll den Körper nicht nur in seinen angenehmen und funktionalen Aspekten betrachten, sondern auch seine Gebrechlichkeit und Krankheitsanfälligkeit erkennen.

Die Texte nennen zahlreiche körperliche Beschwerden – etwa Fieber, Husten, Schmerzen, Magenbeschwerden und verschiedene Erkrankungen. Die Aufzählungen sind dabei kein medizinisches Lehrbuch. Sie verdeutlichen vielmehr, dass der Körper vielfältigen Bedingungen unterliegt und jederzeit von Krankheit betroffen sein kann.

Die Übung besteht darin, diese Tatsache klar wahrzunehmen: Der Körper ist entstanden, verändert sich, kann erkranken und wird schließlich zerfallen. Dadurch kann die Anhaftung an einen vermeintlich zuverlässigen und dauerhaft kontrollierbaren Körper gelockert werden.

Auch eine „Krankheit des Geistes“ wird in den Texten angesprochen. Im Roga-Sutta (AN 4.157) werden Gier, Hass und Verblendung als Ursachen geistiger Krankheit bezeichnet. Damit lässt sich zwischen körperlicher Erkrankung und unheilsamen geistigen Zuständen unterscheiden.


3. Körperliches und geistiges Leiden

Besonders deutlich wird diese Unterscheidung im Nakulapitu-Sutta (SN 22.1). Der ältere Laienanhänger Nakulapita ist körperlich bedrängt und häufig krank. Ihm wird nahegelegt, sich darin zu üben:

„Obwohl ich körperlich bedrängt bin, soll mein Geist nicht bedrängt sein.“

Sāriputta erklärt anschließend, dass ein unbelehrter Mensch die fünf Daseinsgruppen – Körperlichkeit, Gefühl, Wahrnehmung, Gestaltungen und Bewusstsein – als Selbst oder als etwas Eigenes betrachtet. Wenn diese sich verändern, entstehen daraus Kummer, Schmerz, Unzufriedenheit und Verzweiflung.

Der edle Schüler kann dagegen körperlich krank sein, ohne dadurch in gleicher Weise geistig bedrängt zu werden. Das bedeutet nicht, dass körperlicher Schmerz verschwindet. Es bedeutet vielmehr, dass zu dem körperlichen Leiden nicht zwangsläufig weiteres Leiden durch Anhaftung hinzukommen muss.

Gerade darin liegt ein wichtiger Aspekt buddhistischer Praxis: Nicht jeder körperliche Schmerz lässt sich verhindern, aber die geistige Reaktion darauf kann Gegenstand der Übung sein.


4. Krankheit als Erinnerung an die Dringlichkeit der Praxis

Die Lehrreden erinnern auch daran, dass Krankheit die Möglichkeit zur geistigen Übung erschweren kann. AN 5.78 beschreibt einen Menschen, der sich im Zustand der Gesundheit leicht denkt: „Jetzt bin ich gesund.“ Doch später kann Krankheit den Körper erfassen. Wenn die Erkrankung schwer ist, kann es schwieriger werden, der Lehre zu folgen.

Die Schlussfolgerung lautet deshalb nicht, Krankheit zu fürchten, sondern die gegenwärtigen Möglichkeiten zu nutzen. Solange Gesundheit und körperliche Kräfte vorhanden sind, soll man die geistige Übung nicht unnötig aufschieben.

Krankheit hat in diesem Zusammenhang eine doppelte Bedeutung: Sie ist einerseits eine unvermeidliche Erfahrung des bedingten Körpers und andererseits eine Erinnerung daran, dass die Gelegenheit zur Praxis nicht unbegrenzt zur Verfügung steht.


5. Hat Krankheit mit Kamma zu tun?

Eine wichtige Klarstellung findet sich im Sīvaka-Sutta (SN 36.21). Dort weist der Buddha ausdrücklich die Auffassung zurück, dass alles, was ein Mensch erlebt, ausschließlich durch vergangene Taten verursacht werde.

Als mögliche Bedingungen bestimmter schmerzhafter Empfindungen werden unter anderem genannt:

  • Störungen von Galle, Schleim oder Wind,
  • ein Ungleichgewicht dieser Faktoren,
  • Wetter- und Klimawechsel,
  • unachtsames Verhalten,
  • äußere Einwirkungen bzw. Angriffe
  • und als eine weitere Möglichkeit Kamma.

Damit wird Kamma nicht vollständig als mögliche Bedingung ausgeschlossen. Zurückgewiesen wird vielmehr die Vorstellung, jede schmerzhafte Erfahrung müsse ausschließlich auf vergangene Taten zurückgeführt werden.

Wichtig ist außerdem, dass sich die Aussage des Sīvaka-Sutta genau genommen auf bestimmte Vedanā, also Empfindungen beziehungsweise Schmerzempfindungen, bezieht. Das Sutta liefert daher keine vollständige medizinische Theorie über die Entstehung sämtlicher Krankheiten.


6. Der Buddha selbst als Kranker

Auch der Buddha wird in den Lehrreden nicht als körperlich unverwundbar dargestellt. Sein erwachter Zustand bedeutete nicht, dass sein Körper von Alter, Krankheit und Schmerz ausgenommen war.

Im Gilāna-Sutta (SN 47.9) wird berichtet, dass der Buddha schwer erkrankte und starke Schmerzen ertrug. Dennoch heißt es, dass er die Krankheit achtsam und klar wissend ertrug, ohne davon geistig überwältigt zu werden.

Er erinnerte Ānanda in diesem Zusammenhang an die Grundlagen der Achtsamkeit und daran, mit sich selbst als Insel und dem Dhamma als Zuflucht zu verweilen.

Auch die letzten Tage des Buddha im Mahāparinibbāna-Sutta (DN 16) zeigen einen körperlich schwer belasteten Menschen. Der genaue medizinische Befund lässt sich aus dem Sutta nicht sicher bestimmen und ist für die zentrale Aussage auch nicht entscheidend. Entscheidend ist vielmehr die Verbindung von körperlicher Vergänglichkeit, Achtsamkeit und geistiger Klarheit.

Das Beispiel des Buddha zeigt somit nicht, dass ein Erwachter keinen körperlichen Schmerz mehr empfindet. Es zeigt vielmehr, dass körperliches Leiden und geistige Verstrickung voneinander unterschieden werden können.


7. Wie mit eigener Krankheit umgehen?

Aus den genannten Lehrreden lassen sich einige grundlegende Gesichtspunkte für den eigenen Umgang mit Krankheit ableiten.

Krankheit als Tatsache anerkennen

Der erste Schritt besteht darin, die Krankheit nicht zu verdrängen. Der Körper kann krank, schwach und schmerzhaft sein. Die buddhistische Praxis verlangt nicht, diesen Zustand schönzureden.

Körperliches und geistiges Leiden unterscheiden

Die Frage lautet nicht nur, wie stark der körperliche Schmerz ist, sondern auch, was der Geist daraus macht. Widerstand, Angst, Anhaftung und die Vorstellung „Das darf mir nicht geschehen“ können zusätzliches Leiden hervorbringen.

Achtsamkeit bewahren

Der Zustand des Körpers, die auftretenden Empfindungen und die Reaktionen des Geistes können aufmerksam wahrgenommen werden. Achtsamkeit bedeutet dabei nicht, Schmerzen zu leugnen, sondern sie möglichst klar zu erkennen.

Gleichmut entwickeln

Upekkhā, Gleichmut, bedeutet nicht Gleichgültigkeit. Gemeint ist vielmehr eine Haltung, in der körperliches Leiden wahrgenommen wird, ohne durch Anhaften oder Abstoßen zusätzliches geistiges Leiden zu erzeugen.

Diese Haltung ersetzt keine medizinische Behandlung. Körperliche Krankheit darf behandelt, gepflegt und – soweit möglich – gelindert werden.


8. Der Dhamma als Heilmittel

In buddhistischen Texten und Traditionen wird der Dhamma mit einem Heilmittel verglichen. Dabei ist zwischen der geistigen Bedeutung dieser Metapher und einer körpermedizinischen Aussage zu unterscheiden.

In AN 5.194 vergleicht der Brahmane Piṅgiyānī die Wirkung des Dhamma mit der eines geschickten Arztes. Durch das Hören der Lehre können Kummer, Wehklage, Schmerz, Missmut und Verzweiflung überwunden werden.

Der Vergleich des Dhamma mit einem Heilmittel bezieht sich in den frühen Lehrreden vor allem auf die Überwindung von Kummer, Wehklage, Schmerz, Missmut und Verzweiflung. In späteren buddhistischen Traditionen wurde diese Heilmetapher teilweise auch auf körperliche Beschwerden ausgeweitet. Daraus sollte jedoch keine pauschale medizinische Wirksamkeitsbehauptung abgeleitet werden. Die heilende Funktion des Dhamma besteht insbesondere darin, die Ursachen geistiger Verstrickung zu erkennen und zu überwinden.


9. Fürsorge für Erkrankte

Krankheit betrifft im Buddhismus nicht nur den Erkrankten selbst. Auch die Fürsorge für Kranke gehört zur Praxis.

Besonders eindrücklich ist eine Geschichte aus dem Vinaya: Ein Mönch erkrankt schwer und wird von den anderen Mönchen vernachlässigt, weil er ihnen zuvor nicht geholfen hatte. Der Buddha weist diese Haltung zurück und versorgt den Kranken gemeinsam mit Ānanda.

„Wer mich pflegen möchte, soll einen Kranken pflegen.“

Damit wird Krankenpflege zu einem konkreten Ausdruck buddhistischer Praxis. Die Hilfe hängt nicht davon ab, ob der Erkrankte zuvor nützlich gewesen ist oder etwas zurückgeben kann.

Die Vinaya-Texte zeigen die Krankenpflege als konkrete praktische Aufgabe. Dazu gehören die Versorgung des Kranken, seine Reinigung, die Bereitstellung von Nahrung und Medizin sowie die notwendige persönliche Unterstützung.

Auch die Fürsorge für Kranke wird im Grundsatz als gemeinsame Aufgabe verstanden: Der Erkrankte soll Unterstützung annehmen, während die Gemeinschaft Verantwortung für die Versorgung und Pflege übernimmt.

Krankenpflege erscheint damit als gegenseitige Beziehung, in der sowohl der Pflegende als auch der Erkrankte Verantwortung übernehmen.


Was die frühen Texte über Krankheit vermitteln

  • Krankheit gehört zum bedingten Dasein: Sie ist eine unvermeidliche Erfahrung des Körpers und steht im Zusammenhang mit dukkha.
  • Krankheit hat unterschiedliche Bedingungen: SN 36.21 weist die Vorstellung zurück, jede schmerzhafte Erfahrung sei ausschließlich durch vergangenes Kamma verursacht.
  • Krankheitsanfälligkeit soll betrachtet werden: Diese Betrachtung kann den Gesundheitsdünkel überwinden und zur Dringlichkeit der Praxis führen.
  • Körperlicher Schmerz und geistiges Leiden sind unterscheidbar: SN 22.1 zeigt, dass körperliche Bedrängnis nicht zwangsläufig geistige Bedrängnis hervorbringen muss.
  • Achtsamkeit bleibt auch bei Krankheit möglich: SN 47.9 zeigt dies am Beispiel des erkrankten Buddha.
  • Fürsorge gehört zur Praxis: Der Vinaya macht deutlich, dass die Pflege Kranker eine konkrete Aufgabe der Gemeinschaft ist.

Krankheit wird damit weder als Strafe noch als rein geistiges Problem verstanden. Sie ist eine konkrete Erfahrung des bedingten Lebens. Für den Erkrankten kann sie Anlass zu Achtsamkeit und Einsicht sein; für den Gesunden eine Erinnerung an die eigene Vergänglichkeit; und für den Pflegenden eine Gelegenheit zu Mitgefühl, Geduld und praktischer Hilfe.

Gastbeitrag zum Thema

Zum Thema „Umgang mit Krankheit“ stellt Raimund Hopf (suttanta.de) einen ausführlichen Gastbeitrag mit zahlreichen Sutta-Bezügen und weiterführenden Texten zur Verfügung. Der Gastbeitrag geht unter anderem ausführlicher auf Krankheit als Satipaṭṭhāna-Übung, den Umgang des Buddha mit eigener Erkrankung, die Krankenpflege und das Sīvaka-Sutta (SN 36.21) ein.

Der vollständige Gastbeitrag steht hier als PDF zum Weiterlesen bereit: Byādhi-Gastbeitrag-Raimund-Hopf