Der Perzeptions-Algorithmus (MN 18)

Der Perzeptions-Algorithmus

Der Perzeptions-Algorithmus: Wie dein Gehirn die Welt (und dich) simuliert (MN 18)

Wir gehen naiv davon aus, dass wir wie eine Kamera funktionieren: Da draußen ist die Welt, hier drinnen bin „Ich“, und meine Augen sind einfach Fenster, durch die ich hinausschaue. Wir glauben: „Ich sehe den Baum.“

Doch im Madhupiṇḍika Sutta (MN 18) und im Chachakka Sutta (MN 148) zerstört der Buddha diese naive Sichtweise. Er liefert uns den Quellcode der menschlichen Wahrnehmung.

Er zeigt: Du nimmst die Realität nicht passiv auf. Du konstruierst sie in einer blitzschnellen Kettenreaktion. Und das Schockierendste daran: Das „Ich“ steht nicht am Anfang dieser Kette. Es ist ein nachträglich eingefügtes Produkt am Ende.

Hier ist der 6-stufige Algorithmus, mit dem dein Geist die Welt erschafft – und der Punkt, an dem du ihn hacken kannst.


Der Code: Die 6 Stufen der Eskalation

Stell dir vor, du siehst jemanden, den du nicht magst. Du denkst: „Dieser Idiot nervt mich.“ Aber das ist bereits das Endergebnis. Spulen wir das Band zurück und schauen uns die Millisekunden davor an.

1. Die Hardware (Bewusstsein)

Zuerst treffen drei Komponenten aufeinander: Das Auge (Sensor), die Form (Objekt) und das Seh-Bewusstsein (Strom). Das ist reine Biologie. Hier ist noch kein „Ich“, keine Geschichte, kein Problem. Nur Datenübertragung.

2. Der Funke (Phassa)

Das Zusammentreffen dieser drei nennt der Buddha Kontakt (Phassa). Es ist der Moment des „Einschlags“. Der Reiz landet im System.

3. Die Bewertung (Vedanā)

Sofort feuert das limbische System. Der Kontakt wird markiert: Angenehm, unangenehm oder neutral. Das ist das Gefühl (Vedanā).
Achtung: Hier ist immer noch keine Emotion wie „Wut“ oder „Liebe“. Es ist nur ein rohes „Minus“ (unangenehm) oder „Plus“ (angenehm).

4. Das Label (Saññā)

Jetzt greift die Datenbank. Der Geist vergleicht das Muster mit der Erinnerung. Das ist Wahrnehmung (Saññā).
Er klebt ein Etikett auf: „Das ist der Kollege Müller.“

5. Der Dialog (Vitakka)

Jetzt beginnt das Denken. „Was man wahrnimmt, darüber denkt man nach.“ Du fängst an, Sätze zu bilden: „Müller guckt schon wieder so grimmig.“

6. Die Explosion (Papañca)

Das ist der Endgegner. Papañca bedeutet „begriffliche Auswucherung“ oder „Vervielfältigung“. Hier verlässt der Geist die Realität und baut eine virtuelle Welt.
Aus „Müller guckt“ wird: „Er hasst mich. Er will meinen Job. Ich bin immer das Opfer. Warum passiert das immer mir?“
Willkommen im Drama. Willkommen im Leiden.


🧠 Der Twist: Wann das „Ich“ entsteht

In MN 18 macht der Buddha eine grammatikalische Kehrtwende, die so subtil ist, dass man sie leicht überliest.

Bei Schritt 1 bis 3 beschreibt er den Prozess unpersönlich (kausal):
„Bedingt durch Auge und Form entsteht Bewusstsein. Das Zusammentreffen ist Kontakt. Bedingt durch Kontakt ist Gefühl.“

Aber ab Schritt 4 wechselt er plötzlich zur Person:
„Was man fühlt, das nimmt man wahr. Worüber man nachdenkt, das wuchert aus.“

Die Erkenntnis: Das „Ich“ (das Subjekt) existiert nicht vor dem Sehen. Es wird während des Prozesses hineinkonstruiert. Weil da ein Schmerz ist (Schritt 3), erfindet der Geist einen „Besitzer“ des Schmerzes (Schritt 6). Das „Ich“ ist nicht der Seher, es ist das Ergebnis des Sehens.

Der Hack: Wo liegt die Freiheit?

Die meisten Menschen versuchen, ihre Probleme bei Schritt 6 (Papañca) zu lösen. Sie versuchen, die wilden Geschichten im Kopf wegzudiskutieren. Das ist, als wolltest du einen Waldbrand auspusten, der schon wütet. Es ist zu spät.

Bei Schritt 1 und 2 (Kontakt) kannst du oft auch nichts tun – du kannst nicht verhindern, dass du Dinge siehst oder hörst.

Die Freiheit liegt bei Schritt 3 (Vedanā).

🚀 Die Praxis: Feel it, don’t feed it (fühle es, aber füttere es nicht)

Wenn dich etwas triggert, stopp den Prozess bei der Bewertung.

  1. Der Reiz trifft ein (Kontakt).
  2. Es fühlt sich „unangenehm“ an (Vedanā).
  3. Der Schnitt: Statt jetzt in die Story zu gehen („Warum tut er das?“), bleib beim rohen Gefühl. Spür die Energie im Körper.

Sag dir: „Das ist nur Vedanā. Das ist ein unangenehmes Gefühl. Punkt.“

Wenn du das Gefühl nicht mit einer Geschichte (Papañca) fütterst, verhungert es. Die Kette reißt ab. Kein Drama, kein Leiden, kein künstliches „Ich“, das verteidigt werden muss.

Fazit: Du bist der Programmierer

Realität ist nichts, was dir passiert. Realität ist etwas, das du tust. Jede Sekunde läuft dieser Algorithmus ab.

Wenn du schläfst (unachtsam bist), läuft das Programm auf Autopilot bis zur Explosion (Papañca). Wenn du wach bist (achtsam), erkennst du den Funken (Kontakt) und entscheidest, ob du Benzin darauf gießt oder nicht.

Beobachte heute deine Wahrnehmung. Fang dich selbst dabei, wie du aus einem einfachen Blick oder Wort ein ganzes Universum bastelst. Und dann: Drück die Pause-Taste bei Schritt 3.