Die 7 Strategien zur Überwindung der Triebe (MN 2)
Nicht nur meditieren: Der 7-teilige Werkzeugkasten für den geistigen Notfall (MN 2)
Oft herrscht im Westen die romantische Vorstellung, man müsse jedes Problem einfach nur „weg-meditieren“, „achtsam atmen“ oder „loslassen“. Doch der frühe Buddhismus ist weitaus pragmatischer – er ist im Grunde Verhaltenspsychologie vor ihrer Zeit.
Viele Menschen scheitern bei Veränderungen, weil sie nur eine Strategie haben (meistens bloße Willenskraft). Im Sabbāsava Sutta (MN 2), der „Lehrrede aller Triebe“, erklärt der Buddha, dass „Entjochung“ (die Befreiung vom Leiden) kein eindimensionaler Prozess ist. Flexibilität im Geist ist gefragt: Unterschiedliche „Joche“ (Yogas) erfordern unterschiedliche Werkzeuge.
Wer nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel. Der Buddha hingegen gibt uns einen kompletten Werkzeugkasten mit sieben Präzisionsinstrumenten an die Hand, um die Āsavas (Triebe) zu kontrollieren und zu vernichten.
1. Dassanā: Überwindung durch SEHEN (Einsicht & Reframing)
Das Prinzip: Manche Probleme existieren nur, weil wir uns falsche Geschichten erzählen. Wir leiden nicht an der Realität, sondern an unserer Interpretation davon. Das „Joch der Ansichten“ (Diṭṭhiyoga) fesselt uns an unnötige Dramen.
„Er denkt unweise: ‚War ich in der Vergangenheit? Werde ich in der Zukunft sein? Was bin ich?‘ […] So verstrickt er sich in einem Dschungel von Ansichten.“ – MN 2
- Das buddhistische Werkzeug: Der „Ersteintritt in den Strom“ (Sotāpatti). Dies geschieht durch das klare Sehen der Vier Edlen Wahrheiten und die Anwendung von Yoniso Manasikara (gründliche, weise Aufmerksamkeit). Wir erkennen, dass Spekulationen leidhaft sind.
- Die Brücke zur Psychologie (Kognitive Umstrukturierung): In der Verhaltenstherapie hinterfragen wir „automatische Negativgedanken“.
Beispiel: Der Chef grüßt nicht. Gedanke: „Er hasst mich.“ Intervention (Sehen): „Stopp. Das ist eine Interpretation. Vielleicht hat er mich nur nicht gesehen.“ Wir entlarven die Illusion.
2. Saṃvarā: Überwindung durch ZÜGELN (Input-Kontrolle)
Das Prinzip: Prävention. Was nicht reinkommt, muss nicht verarbeitet werden. Das „Joch der Sinnlichkeit“ (Kāmayoga) wird geschwächt, indem man verhindert, dass Gier und Trauer überhaupt erst in den Geist „einströmen“.
„Indem er über die Sinnestore wacht, entsteht Zukünftiges nicht, und entstandenes Gegenwärtiges vergeht.“ – MN 2
- Das buddhistische Werkzeug: Indriya Samvara (Hüten der Sinnestore). Man hütet die Tore der Augen, Ohren usw. Wenn das Auge eine Form sieht, greifen wir nicht nach den „Merkmalen“, die Gier auslösen.
- Die Brücke zur Psychologie (Stimulus-Kontrolle): Wenn du ruhiger werden willst, kannst du nicht den Tag mit Katastrophen-Nachrichten beginnen. Wenn du abnehmen willst, folge keinen Food-Bloggern. Es ist leichter, den Reiz an der Wurzel zu stoppen (nicht hinsehen), als später gegen die biochemische Reaktion anzukämpfen.
3. Paṭisevanā: Überwindung durch GEBRAUCH (Funktionalität)
Das Prinzip: Ein rein funktionales Verhältnis zu Ressourcen statt emotionaler Kompensation. Es geht darum, zu verhindern, dass sich durch Gewohnheit neue sinnliche Joche bilden.
„Gründlich erwägend nutzt er die Robe nur, um Kälte abzuwehren… Er nutzt die Almosenspeise nicht zum Spiel, nicht zur Berauschung, sondern nur zum Erhalt dieses Körpers.“ – MN 2
- Das buddhistische Werkzeug: Die Praxis von Paccaya Sannissita Sīla (Tugend in Bezug auf die Notwendigkeiten). Wir nutzen Kleidung, Nahrung und Wohnung nur zur Gesunderhaltung, nicht zum Genuss.
- Die Brücke zur Psychologie (Bedürfnisprüfung): Wir nutzen Konsum oft als „Coping-Strategie“ (Frust-Shopping, Frust-Essen).
Die Taktik: Frage vor jedem Konsum: „Welchen Zweck erfüllt das?“ Esse ich zur Energieaufnahme oder zur emotionalen Betäubung? Kaufe ich das, weil ich es brauche, oder weil ich mich kurz besser fühlen will?
4. Adhivāsanā: Überwindung durch ERDULDEN (Resilienz)
Das Prinzip: Aushalten. Das „Joch des Werdens“ wird oft durch Aversion gegen Unangenehmes genährt. Training der Frustrationstoleranz durchbricht diesen Kreislauf.
„Er ist einer, der Kälte und Hitze erträgt, Hunger und Durst, den Kontakt mit Fliegen, Mücken, Wind… und auch schlecht gewählte, unwillkommene Worte.“ – MN 2
- Das buddhistische Werkzeug: Die Entwicklung von Khanti (Geduld/Nachsicht). Es ist die Fähigkeit, Kälte, Hitze oder Beschimpfungen zu ertragen, ohne mental zusammenzubrechen.
- Die Brücke zur Psychologie (Distress Tolerance): Ein Kernkonzept des Stoizismus und der modernen Resilienzforschung. Wir verschwenden Energie, wenn wir uns über Wetter, Stau oder unfreundliche Menschen ärgern. Die Lösung ist hier nicht „ändern“, sondern „akzeptieren“. Wir härten unser „mentales Fell“ ab.
5. Parivajjanā: Überwindung durch VERMEIDEN (Risikomanagement)
Das Prinzip: Strategische Klugheit. Man vermeidet gefährliche Situationen, die alte Joche reaktivieren könnten. Überschätze deine Willenskraft nicht.
„Er weicht einem wilden Elefanten aus, einem wilden Pferd, einer Schlange… einem gefährlichen Ort, einem Sumpf und auch schlechter Gesellschaft.“ – MN 2
- Das buddhistische Werkzeug: Vermeidung von Asappurisa (schlechter Gesellschaft) und gefährlichen Orten. Ein Weiser prüft seine Umgebung präventiv.
- Die Brücke zur Psychologie (Environment Design): Ein Alkoholiker, der seine Willenskraft in einer Bar testet, handelt nicht spirituell, sondern fahrlässig.
Die Taktik: Gestalte deine Umgebung so, dass „gutes Verhalten“ leicht und „schlechtes Verhalten“ schwer wird. Geh dem „wilden Elefanten“ physisch aus dem Weg.
6. Vinodanā: Überwindung durch ENTFERNEN (Aktive Intervention)
Das Prinzip: Aktives Vertreiben. Wenn der negative Gedanke schon da ist, wirf ihn raus (Umgang mit Gedanken).
„Er duldet keinen entstandenen Gedanken der Sinnlichkeit… des Übelwollens. Er gibt ihn auf, vertreibt ihn, macht ihm ein Ende.“ – MN 2
- Das buddhistische Werkzeug: Rechte Anstrengung (Samma Vayama). Aufgestiegene Gedanken der Gier oder des Hasses werden nicht beobachtet, sondern eliminiert.
- Die Brücke zur Psychologie (Gedanken-Stopp): Grübeln (Rumination) über Fehler der Vergangenheit oder Hineinsteigern in Eifersucht muss aktiv unterbrochen werden. Sag „STOPP!“, steh auf, bewege dich. Wie man einen brennenden Funken sofort vom Mantel schnippt.
7. Bhāvanā: Überwindung durch ENTFALTEN (Kultivierung)
Das Prinzip: Wachstum. Das Gute stärken, damit das Schlechte keinen Platz hat. Dies führt zur endgültigen Zerstörung des Jochs der Unwissenheit (Avijjāyoga).
„Er entfaltet das Erleuchtungsglied der Achtsamkeit… der Energie… der Ruhe… die auf Loslassen gestützt sind.“ – MN 2
- Das buddhistische Werkzeug: Das Kultivieren der Sieben Erleuchtungsglieder (Bojjhaṅga). Meditation ist hier nicht nur Entspannung, sondern mentales Training für Weisheit.
- Die Brücke zur Psychologie (Neuroplastizität): Wenn wir schlechte Gewohnheiten entfernen, entsteht ein Vakuum. Wir müssen es mit heilsamen Gewohnheiten füllen. Ein Geist, der mit Dankbarkeit und Metta gesättigt ist, bietet Stress keine Angriffsfläche.
Fazit: Werde dein eigener Stratege
Die Lehre des MN 2 zeigt uns: Buddhismus ist Situationsmanagement. Wahre Freiheit entsteht nicht durch die Abwesenheit von Problemen, sondern durch das Wissen, ihnen geschickt begegnen zu können.
Wenn du das nächste Mal leidest, frage dich:
„Welches Werkzeug brauche ich jetzt? Muss ich meine Sicht ändern (1), den Reiz ausschalten (2), den Zweck hinterfragen (3), es einfach aushalten (4), der Situation aus dem Weg gehen (5), den Gedanken aktiv rauswerfen (6) oder langfristig etwas Neues aufbauen (7)?“
Mehr zur Lehrrede: MN2 – Zusammenfassung und Erklärung im Lehrreden-Verzeichnis.
Lies hier unseren Vertiefungsartikel:
Der Zimmermann-Code: 5 Taktiken gegen Gedanken-Terror (MN 20).






